Die Ergebnisse des historischen Forschungsprojekts liegen vor
Hirnforschung und NS-Verbrechen
Das von der Max-Planck-Gesellschaft geförderte unabhängige Verbundprojekt zur Identifizierung von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und anderen Formen der NS-Verfolgung, von denen Hirnpräparate in zwei Max-Planck-Instituten (vormals Kaiser-Wilhelm-Instituten) zu wissenschaftlichen Zwecken gesammelt wurden, ist nach neun Jahren abgeschlossen. Anlass waren Funde von Hirnschnitten im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin sowie im Historischen Archiv des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Die Klärung der Herkunft dieser Präparate sowie der Forschungskontexte, in denen sie entstanden und verwertet wurden, waren zentrale Fragen des Projekts.
Foto: © Neil Conway, Flickr (CC BY 2.0)
Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch (KWIH) und die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie (DFA) in München beschafften sich Tausende von Gehirnpräparaten von Opfern des nationalsozialistischen Unrechtsregimes, um an ihnen zu forschen. Die damals angelegten Sammlungen verblieben nach Kriegsende an den nun unter dem Dach der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) arbeitenden Instituten für Hirnforschung und für Psychiatrie. Ihre Herkunft wurde keiner kritischen Prüfung unterzogen. Die Menschen, deren Hirnpräparate noch jahrzehntelang von der Wissenschaft genutzt wurden, waren zu einem großen Teil Opfer der NS-„Euthanasie“, der systematischen Ermordung von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen. Weitere Präparate stammten von jüdischen und nichtjüdischen Opfern der deutschen Besatzung in Polen, von Kriegsgefangenen verschiedener Nationalitäten, Zwangsarbeitern und Opfern der NS-Justiz. Die Namen dieser Menschen zu rekonstruieren und öffentlich zu benennen sowie, wo möglich, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, war ein zentrales Anliegen des Forschungsprojekts.
Das Projekt mit dem Titel „Hirnforschung an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kontext nationalsozialistischer Unrechtstaten: Hirnpräparate in Instituten der Max-Planck-Gesellschaft und die Identifizierung der Opfer“ wurde zunächst von Prof. Herwig Czech (Medizinische Universität Wien), Prof. Gerrit Hohendorf (TU München) und Prof. Paul Weindling (Oxford Brookes University) geleitet. Nach dem überraschenden Tod von Gerrit Hohendorf wurde die Leitung des Teilprojekts an der TU München von Philipp Rauh (TU München) und Prof. Volker Roelcke (Universität Gießen) übernommen, der auch an der Konzeption und Antragstellung für das Gesamtprojekt beteiligt war. Beratend war Patricia Heberer-Rice vom US Holocaust Memorial Museum tätig.
Ergebnisse der Teilprojekte mit Schwerpunkt Opfer der „Euthanasie“ (Meduni Wien in Kooperation mit der Charité Berlin, Leitung Prof. Herwig Czech und TU München, Leitung Philipp Rauh und Prof. Volker Roelcke, Universität Gießen)
An den beiden neuropathologisch tätigen Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) in Berlin und München gingen insgesamt mindestens 1.356 Gehirne von Menschen ein, die in den Jahren 1939 bis 1945 im Rahmen der NS-„Euthanasie“ umgebracht worden waren. Für das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung (KWIH) ermittelten die Historiker eine Zahl von 926 Opfern der „Euthanasie“, was knapp der Hälfte aller Gehirne entspricht, die in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in die Sammlung kamen. An das Hirnpathologische Institut (HPI) der Deutschen Forschungsanstalt (DFA) in München wurden Gehirn-Präparate von 1.388 Personen gesandt, bei denen ein Verdacht auf NS-„Euthanasie“ vorlag. Bei 430 Personen bestätigte sich der Verdacht. Nicht immer war allerdings eine eindeutige Ermittlung der genauen Todesumstände möglich, da die Quellenüberlieferung in einigen Fällen lückenhaft oder widersprüchlich war. Daher könnten die tatsächlichen Zahlen noch höher sein. Von den insgesamt 1.356 Opfern der NS-„Euthanasie“, deren Gehirne insgesamt im Untersuchungszeitraum in die beiden Sammlungen eingingen, waren 647 und damit fast die Hälfte Kinder unter zehn Jahren.
NS-Verbrechen, „Euthanasie“ und die Wissenschaft
Die Forschungsgruppe kam zu dem Ergebnis, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der KWG-Institute einerseits ihre Expertise in den Dienst der NS-Erbgesundheits- und Rassenpolitik stellten und andererseits ganz erheblich von der eugenisch und rassistisch motivierten Vernichtungspolitik des NS-Staates profitierten. Die Auswertung wissenschaftlich interessanter Präparate beschränkte sich dabei keineswegs auf die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, vielmehr sind auch bis weit nach 1945 Forschungsergebnisse auf Grundlage der Präparate von „Euthanasie“-Opfern in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht worden.
Herwig Czech, Projektleiter von der MedUni Wien, pointiert: „Die Neuropathologie in Deutschland hat während der Zeit des Nationalsozialismus praktisch jede sich bietende Gelegenheit genutzt, um an Gehirne und anderes Gewebe für die Forschung zu kommen, vor allem auch den Massenmord an Menschen mit kognitiven Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Institute der damaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft waren ganz vorne mit dabei. Aus heutiger Sicht stellt es ein schweres ethisches Versagen dar, dass auch nach Kriegsende noch jahrzehntelang weiter an diesen Präparaten geforscht wurde; die Ergebnisse finden sich bis heute in der wissenschaftlichen Literatur.“
Während des Nationalsozialismus waren die betroffenen Kaiser-Wilhelm-Institute eng mit den Heil- und Pflegeanstalten – den Orten der „Euthanasie“-Morde – vernetzt. Eine Schlüsselrolle spielten die den beiden KWG-Instituten angegliederten Prosekturen, in denen verstorbene Patientinnen und Patienten obduziert und Organe für die Forschung entnommen wurden. Im Zweiten Weltkrieg nutzten die Neuropathologen der DFA ihre Kontakte zu den „Kinderfachabteilungen“ der bayerischen Pflegeeinrichtungen, den zentralen Orten der „Kindereuthanasie“. Das KWI für Hirnforschung in Berlin erhielt unter anderem aus der Landesheilanstalt Brandenburg-Görden Gehirne von Kindern und Jugendlichen, die zuvor in der dortigen „Kinderfachabteilung“ ermordet worden waren. Zudem gingen auch Präparate aus den Gasmordanstalten der „Aktion T4“ ein. Die Mitarbeiter der Histopathologischen Abteilung des KWI für Hirnforschung und deren Leiter Julius Hallervorden waren nicht nur Mitwisser und wissenschaftliche Nutznießer der Tötungsaktionen; zumindest in einem Fall war Hallervorden auch persönlich in der Tötungsanstalt Brandenburg anwesend, um Gehirne unmittelbar nach der Ermordung zu entnehmen. Darüber hinaus gibt es den begründeten Verdacht, dass Forschende mit ihrer Expertise die „Euthanasie“-Verbrechen legitimierten und ihre Fragestellungen darauf ausrichteten, die Selektionskriterien zu präzisieren.
Forschung und Umgang mit den Sammlungen nach 1945
Die wichtigsten verantwortlichen Wissenschaftler – Julius Hallervorden, Hugo Spatz und Willibald Scholz – konnten ihre Arbeit nach 1945 in der Max-Planck-Gesellschaft unbehelligt fortsetzen. Ihre Schüler folgten ihnen in den Leitungspositionen der beiden Institute. Diese personelle Kontinuität verhinderte nicht nur eine kritische Sicht auf die NS-Vergangenheit der Präparate-Sammlungen, sondern vielmehr wurde diese bewusst verschleiert. Maximilian Buschmann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt: „Die personelle Kontinuität und die Tatsache, dass auch nachfolgende Generationen von Forschenden die Herkunft von Präparaten nicht beachteten, ermöglichte es, dass die Ermordung der Menschen am Max-Planck-Institut für Psychiatrie nach 1945 immer wieder aufs Neue verschwiegen, geleugnet und verdrängt wurde.“
In den Nachkriegsjahrzehnten nutzten nicht nur Forschende der Max-Planck-Institute für Hirnforschung und für Psychiatrie diese Sammlungen, sondern die Präparate wurden darüber hinaus bedenkenlos auch weiteren deutschen wie internationalen Forschenden zur Verfügung gestellt. Die Historikerinnen und Historiker konnten nachweisen, dass das Wissen aus Forschungen an den Präparaten vielfach Eingang in wissenschaftliche Fachpublikationen gefunden hat. Die Recherchen ergaben mindestens 84 zumeist neuropathologische Veröffentlichungen zwischen 1940 und 1996, die nachweislich auf einer wissenschaftlichen Verwertung von Gewebeproben und Daten von Opfern der NS-„Euthanasie“ beruhen. Hinzu kommen mindestens weitere 256 Publikationen, bei denen die Möglichkeit einer Verwendung von Präparaten von Opfern der „Euthanasie“ wahrscheinlich erscheint.
Bild: © mpg
Erst als sich die Methodik der Neurowissenschaften in den 1970er Jahren wandelte, verlor die Sammlung an Bedeutung. 1990 veranlasste die MPG die Bestattung von Präparaten auf dem Münchner Waldfriedhof. Die Max-Planck-Institute trennten sich von ihren Sammlungsbeständen aus der NS-Zeit offensichtlich vor allem deshalb, weil der Bedeutungsverlust des neuropathologisch-morphologischen Ansatzes zeitlich mit historischen Aufarbeitungsbestrebungen und dem damit einhergehenden wachsenden politischen und moralischen Druck auf die MPG zusammenfiel. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts machen deutlich, dass die damalige Bestattung unvollständig war.
Volker Roelcke, Projektleiter von der Universität Gießen, sagt über den Gegenwartsbezug: „Die Ergebnisse des Projekts sind ein Beitrag zu den bioethischen Debatten um eine medizinische Forschung, die im Prozess der Wissensproduktion nicht nach den Herkunftskontexten von ‚Untersuchungsobjekten‘ fragt: Die Produktion von neuem Wissen hat in dieser Form der Forschung die oberste Priorität, während andere Gesichtspunkte wie die Wahrung von humanitären Standards bei der Wissensproduktion oder die Rücksichtnahme auf Gesundheit und Wohlergehen derjenigen Menschen, an denen Forschungsdaten erhoben werden, demgegenüber vernachlässigt werden.“
Projektteil mit Schwerpunkt Andere Gruppen von Opfern unethischer neuropathologischer Forschung im Nationalsozialismus; Projektleiter: Prof. Paul Weindling (Oxford Brookes Universität)
Bislang wurde übersehen, wie zutiefst unethisch auch die Ausbeutung von Gehirnen und Nervengewebe von Nichtdeutschen zu Forschungszwecken während und nach dem Zweiten Weltkrieg war. Die Projektgruppe unter Leitung von Paul Weindling widmete sich dieser bislang nicht beachteten Opfergruppe erstmals und rekonstruierte die Biografien und Todesumstände von 314 Menschen, deren Gehirne zwischen 1933 und 1945 in die Sammlungen der KWI für Hirnforschung in Berlin-Buch und des KWI für Psychiatrie / Deutschen Forschungsanstalt (DFA) in München gelangten. Es handelt sich um Opfer der deutschen Besetzung Polens, Belgiens und Frankreichs, um alliierte Kriegsgefangene als Opfer von Kriegsverbrechen, um Zwangsarbeiter sowie weitere Opfer des nationalsozialistischen Regimes und Personen, die in Nazideutschland wegen Straftaten hingerichtet worden waren, die damals als strafbar galten. Eine besonders große Opfergruppe sind mit 183 Menschen Zivilisten aus Polen, darunter 139 jüdische Opfer.
Zu nennen sind insbesondere die Hirnproben von 237 Opfern aus Julius Hallervordens Kriegssammlung „militärischer Proben“ (der sogenannten Serie M), die allerdings – und das war ein überraschender Befund – auch von Zivilisten und Zivilistinnen stammten. 74 dieser Opfer waren Frauen. Ursprünglich dazu gehörten auch die Feuchtpräparate von zwei polnischen Juden und einem französischen Kriegsgefangenen. Die Historikergruppe entdeckte diese in der ehemaligen Schausammlung des Neurologischen Instituts (Edinger-Instituts) der Universität Frankfurt am Main. Die personellen Verflechtungen dieses Instituts mit dem Max-Planck-Institut (MPI) für Hirnforschung nach dem Zweiten Weltkrieg hatten dazu geführt, dass Teile der Sammlung dorthin gelangt waren.
Die überwiegende Mehrheit der von der Gruppe untersuchten Humanpräparate wurde Anfang der 1980er Jahre ohne Bestattung vernichtet, ein kleiner Teil 1990 beigesetzt. Die Gruppe fand heraus, dass weitere unethisch gewonnene Mikroskop-Präparate mit dem Nervengewebe von 56 Personen zur wissenschaftlichen Sammlung des KWIP/MPIP in München gehörten. Von 38 Personen existieren dort nach wie vor Gewebeschnitte.
Die Forschungsgruppe um Paul Weindling war auch zuständig für den Aufbau einer Datenbank an der Nationalakademie Leopoldina. Sie verzeichnet systematisch die Namen, Daten und Dokumente von Opfern unethischer medizinischer Forschung im Nationalsozialismus und dokumentiert sie für Forschung und Recherchen. In diese Datenbank gingen auch die im Rahmen des Forschungsprojekts zur KWG/MPG erhobenen Daten von rund 1.900 Menschen ein.
An die Opfer erinnern
Als Ergebnis der historischen Aufarbeitung liegen jetzt zwei wissenschaftliche Monographien und zwei Gedenkbücher mit Namen und Biographien der Opfer vor. Sie liefern die inhaltliche Grundlage zur Ausgestaltung der Gedenkkultur der MPG in den kommenden Jahren. Ausgangspunkt ist die auch von den Historikern des Forschungsprojekts empfohlene Entscheidung der Max-Planck-Gesellschaft, die Namen der Opfer zu nennen und ihre Schicksale und Biografien sichtbar zu machen, um auf diese Weise die Erinnerung an diese Menschen zu bewahren und ihr Leid und das ihrer Angehörigen anzuerkennen.
MPG-Präsident Patrick Cramer hielt fest: „Die Ergebnisse der Historiker lassen uns tiefe Scham empfinden, denn sie belegen, dass Forschende im Streben nach Erkenntnis ohne Respekt vor der Menschenwürde gehandelt haben – während des Nationalsozialismus und danach. Indem wir namentlich an jene Menschen erinnern, deren Organe unrechtmäßig in pathologischen Sammlungen unserer Institute aufbewahrt und für Forschungszwecke missbraucht wurden, wollen wir Verantwortung für das begangene Unrecht übernehmen und das große Leid der Opfer und ihrer Familien anerkennen. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus, an denen auch die Wissenschaft beteiligt war, bleibt eine stete Mahnung, dass der Respekt vor dem Menschen, seiner Würde und seiner unveräußerlichen Rechte über dem Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis steht.“
Bestattung und Gedenkort auf dem Münchner Waldfriedhof
Am MPI für Psychiatrie werden die noch nicht bestatteten Präparate von insgesamt 139 Opfern des Nationalsozialismus für die würdige Bestattung vorbereitet. In Abstimmung mit Angehörigen und Opfervertreter-Einrichtungen sollen sie in den kommenden Jahren ihre letzte Ruhe auf dem Waldfriedhof München finden.