Islam als naturgegebene Ausdrucksform des türkischen Nationalismus

Eine Studie des Verbunds „Islamismusprävention und Demokratieförderung“ untersucht die politische Allianz von nationaler Identität und Religion am Beispiel des türkischen Ultranationalismus.

„Wolfsgruß“
Der „Wolfsgruß“ ist ein Erkennungszeichen der türkischen, rechtsextremen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP); auf dem Bild sieht man „Graue Wölfe“ im Jahr 2012, die sich zur Parade am türkischen Nationalfeiertag (29.10.) in Girne (Kyrenia), Nordzypern versammelt haben.

Auf den ersten Blick sind Nationalismus und Islamismus Gegensätze: Zwar beschreibt der Historiker Bernard Lewis die Anfänge des Islams nicht nur als religiös motiviert, sondern auch als Einigungsbewegung der bis dahin zerstrittenen Stämme der arabischen Halbinsel, allerdings ist der Charakter des Islams wie der des Christentums universell: Seine Botschaft richtet sich an die gesamte Menschheit. Zum Nationalismus, der von einer gemeinsamen Geschichte, Sprache und Kultur des Staatsvolkes ausgeht, steht er damit im Widerspruch. Doch in der Türkei sind Islam und Nationalismus seit Gründung der Republik 1923 eng miteinander verbunden.

Diese türkisch-islamische Synthese wird damit begründet, dass der Islam ein wesenhafter Bestandteil des türkischen Nationalcharakters sei und damit die dem „Türkentum naturgemäß zugehörige Religion“. Die vorislamische Geschichte, so erklärt es die von Miriam Uludoğan-Heß und Maida Ganević verfasste Studie „Religion und nationale Identität als politische Allianz“ des Verbunds „Islamismusprävention und Demokratieförderung“, sei dazu kein Gegensatz. Wie auch bei anderen Ideologien muss man sich bei der Beschäftigung mit der Synthese des türkischen Nationalismus mit dem Islam von der Vorstellung verabschieden, rationale Begründungen zu finden. Was nicht passt, wird passend gemacht. Geht es doch nicht um einen mit Fakten belegten Blick auf die eigene Geschichte und Gegenwart, sondern um die Bildung eines Konstrukts, das den Versuch unternimmt, nationale Einheit durch das Bild einer religiös und ethnisch homogenen Nation herzustellen.

Das funktioniert natürlich nicht und führt zu Konflikten, Ausgrenzung und Unterdrückung, wie die Autorinnen zeigen: „Wer nicht als ethnisch türkisch gilt, sondern z. B. kurdischer oder arabischer Herkunft ist und/oder nicht dem sunnitischen Islam angehört, sondern etwa dem Alevitentum oder Jesidentum, ist in diesem Deutungsrahmen mitunter doppelt marginalisiert.“ Immer wieder komme es zu Gewalttaten wie dem Brandanschlag auf ein Hotel in Sivas 1993, bei dem 35 überwiegend alevitische Intellektuelle starben, oder der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink 2007.

Türkischer Ultranationalismus ist eine der größten Erscheinungsformen des auslandsbezogenen Extremismus in Deutschland

Dieses Denken prägt auch große Teile der türkischen Community, stellt die Studie fest: Der türkische Ultranationalismus sei, gemessen an den Fallzahlen, eine der größten Erscheinungsformen des auslandsbezogenen Extremismus in Deutschland. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gibt auf Anfrage des hpd an, dass dem türkischen Rechtsextremismus in Deutschland aktuell etwa 13.500 Personen zugerechnet werden. „Dieses Personenpotenzial“, so die Studie, „manifestiert sich vor allem in Bewegungen wie den ‚Grauen Wölfen‘ (Ülkücü-Bewegung) sowie in Vereinen und Verbänden, die teils enge Verbindungen zu türkischen Staatsstrukturen und der Regierungspartei AKP unterhalten.“

Doch nach außen hin, sagt das BfV, seien die Organisationen um ein gemäßigtes Auftreten bemüht. Ihre Mitglieder verzichten ganz überwiegend auf öffentliche Hassreden oder andere Straf- und Gewalttaten. Der Extremismus werde eher innerhalb der Vereine ausgelebt und schaffe so eine Grundlage für die weitere Verbreitung der rechtsextremistischen Ideologie. Aber auch das habe Folgen für die deutsche Gesellschaft: „Aufgrund ihrer rechtsextremistischen und rassistischen Ideologie wirken die Verbände desintegrativ auf ihre Anhängerschaft und Teile der hiesigen türkischen Diaspora ein.“

Doch nicht immer werde im Verborgenen gehandelt: Nach dem Überfall der Hamas auf Israel habe sich die unorganisierte Ülkücü-Szene klar auf der Seite der Palästinenser positioniert. Einzelne Mitglieder der Szene hätten sich an israelfeindlichen Versammlungen beteiligt oder Hassbotschaften gegen Israel in den Sozialen Medien verbreitet. „Ereignisse wie der 7. Oktober 2023“, sagt Miriam Uludoğan-Heß, eine der Autorinnen der Studie, „können Radikalisierungsdynamiken beschleunigen.“ Gerade im Fall des türkischen Ultranationalismus seien aber auch türkische innenpolitische Entwicklungen eine plausible Erklärung für das Erstarken islamistisch motivierter Narrative.

Für die Analyse von Extremismus, vor allem in Diaspora-Communitys, reiche es nicht aus, einzelne Ideologien isoliert zu betrachten und sich ausschließlich auf ihre religiösen Bezüge zu konzentrieren: Nationalismus, Religion und kollektive Identität müssten gemeinsam in den Blick genommen werden. „Diese Entwicklung stellt die Präventionsarbeit vor Herausforderungen. Für die Analyse von Radikalisierungsprozessen ist außerdem immer wichtig, internationale Entwicklungen und Ereignisse mitzudenken“, sagt Uludoğan-Heß. „Uns interessiert vielmehr, wie sich Ideologien verändern, wie sie sich miteinander verbinden und welche Herausforderungen daraus für Präventionspraxis und Sicherheitsbehörden entstehen.“ Am Beispiel des türkischen Ultranationalismus wird dies insbesondere durch die sogenannte türkisch-islamische Synthese deutlich, die nationalistische und religiöse Elemente miteinander verbindet. Solche ideologischen Überschneidungen seien weder völlig neu noch ein ausschließlich türkisches Phänomen. „Sie zeigen aber, dass Extremismus zunehmend phänomenübergreifend gedacht werden muss und Präventionsansätze dieser Entwicklung Rechnung tragen sollten.“

Extremismus, rät die Studie zum Schluss, solle nicht entlang ethnischer oder migrationsbezogener Kategorien erklärt werden. Konzentriere man den Blick auf Ethnie oder Zuwanderungsgeschichte, könnten schnell die gesamtgesellschaftlichen Ursachen und Dynamiken vernachlässigt werden. Die wachsende Bedeutung religiös und national begründeter Extremismusformen habe auch viel mit dem Erstarken populistischer und autoritärer politischer Bewegungen zu tun. Und die gibt es mittlerweile von Trump über die AfD bis zum Rassemblement National in fast allen westlichen Staaten.

Kommentare

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel