Neo-Integralist gegen Rom

Pater Edmund Waldstein vertritt einen Neo-Integralismus, der die weltliche Macht der Geistlichen unterordnen und unter bestimmten Umständen sogar die Hinrichtung von Ketzern rechtfertigen will. Nun zwingt ihn die katholische Kirche zum Widerruf. Der Fall offenbart die absurde Pointe eines Konflikts, in dem ein Verfechter religiösen Zwangs selbst unter kirchlichen Zwang gerät.

Scheiterhaufen
Auch mit Kontext eine problematische Aussage: Pater Edmund Waldstein will Ketzer hinrichten lassen.

Die katholische Kirche zwingt einen Neo-Integralisten zum Widerruf und man muss sich die Details des Falls anschauen, um die Absurdität dahinter zu verstehen. Pater Edmund Waldstein ist österreichischer Zisterziensermönch und Mitbegründer des Blogs The Josias, der mit dem Anspruch angetreten war, „eine authentisch katholische politische Haltung zu formulieren”, um sich „mit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung auseinandersetzen” zu können. Ergebnis war der sogenannte Neo-Integralismus, der mit JD Vance und dem Postliberalismus in Verbindung gebracht wird. In der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost heißt es dazu: „Dass Waldstein eine zentrale Figur des Neo-Integralismus ist, wird man nicht leugnen können. Auch die Bedeutung des Neo-Integralismus ist, obwohl sie nur von einer kleinen Gruppe von Intellektuellen ausgeht, nicht zu unterschätzen.”

Was aber ist dieser "Neo-Integralismus"? Wie viele intellektuelle Strömungen, die ein „Post-” oder “Neo-” im Namen führen, bezieht er sich auf eine historische Bewegung. In diesem Fall den sogenannten Integralismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, eine politische und religiöse Bewegung, die eine umfassende Ausrichtung von Staat und Gesellschaft an katholischen Werten anstrebte. Er wandte sich gegen Liberalismus, Säkularisierung und die Trennung von Kirche und Staat und vertrat die Vorstellung, dass Religion alle Bereiche des öffentlichen Lebens prägen solle, eine Tradition, an die Denker wie Waldstein, aber auch der Harvard-Jurist Adrian Vermeule wieder anknüpfen wollen. Waldstein selbst beschreibt es in einem inzwischen gelöschten Blogpost folgendermaßen:

„Der katholische Integralismus ist eine Denktradition, die die liberale Trennung der Politik von der Sorge um das Ziel des menschlichen Lebens ablehnt und festhält, dass politische Herrschaft den Menschen auf sein Endziel hinzuordnen hat. Da der Mensch jedoch sowohl ein zeitliches als auch ein ewiges Ziel hat, hält der Integralismus fest, dass es zwei Gewalten gibt, die ihn beherrschen: eine zeitliche Gewalt und eine geistliche Gewalt. Und da das zeitliche Ziel des Menschen seinem ewigen Ziel untergeordnet ist, muss die zeitliche Gewalt der geistlichen Gewalt untergeordnet sein.“

So lange nicht näher bestimmt ist, wie diese Unterordnung aussehen soll, ist auch nicht klar, ob es sich tatsächlich um eine anti-demokratische, totalitäre Denkströmung handelt, die Anlagen für eine solche sind aber sicherlich vorhanden. Legt man die Ideen wohlwollend aus, dann landet man bei dem, was der liberale kanadisch-australische Philosoph Alexander Lefebvre in einem Artikel über seinen Besuch bei den Intellektuellen Viktor Orbáns in Ungarn den „moralische Staat" nannte, wie er auch von David Engels propagiert wird (der hpd berichtete). Werte wie etwa der christliche Glaube oder die traditionelle Ehe würden dann niemandem aufgedrängt, aber hätten eine privilegierte Stellung, was dem Selbstverständnis des weltanschaulich neutralen, liberalen Verfassungsstaates fundamental entgegensteht.

Interessanterweise verträgt sich diese Sicht der Dinge nach aktueller Lehrmeinung jedoch nicht mehr mit dem Katholizismus nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und mit genau dieser Lehrmeinung kam Waldstein nun in Konflikt, weil er auf seinem Blog schrieb:

„Alle Getauften sind Untertanen der Kirche, und sie sollte mit ihnen umsichtig umgehen, so wie ein Abt mit seinen Mönchen umgeht. Manchmal gehört dazu auch, sie zu bestrafen, wenn sie ihre Taufpflichten verletzen. Die Kirche sollte darauf achten, den Rost nicht zu heftig abzuschaben, damit sie das Gefäß nicht zerbricht. Aber sie muss auch an Heli denken, der es versäumte, seine Söhne zu bestrafen, was dem Gemeinwohl großen Schaden zufügte. Unter bestimmten Umständen kann dies bedeuten, dass sie den weltlichen Arm hinzuziehen muss, um Ketzer hinrichten zu lassen. Diese Macht kann missbraucht werden, hat aber auch eine legitime Anwendung. Tatsächlich ist einer der Irrtümer Martin Luthers, der von Papst Leo X. verurteilt wurde, die Behauptung: ‚Dass Ketzer verbrannt werden, widerspricht dem Willen des Heiligen Geistes.‘“

Der Text ist inzwischen ebenfalls gelöscht, aber von der Tagespost dokumentiert. Autor Sebastian Ostritsch sieht diese Aussagen im Rahmen einer theologischen Debatte getätigt und dadurch entschärft. Wie man aber die folgende Aussage entschärfen will, ist nicht wirklich ersichtlich: „Unter bestimmten Umständen kann dies bedeuten, dass sie den weltlichen Arm hinzuziehen muss, um Ketzer hinrichten zu lassen.” Sicher, es wäre theoretisch denkbar, dass es den Gott der katholischen Kirche gibt und dass er tatsächlich über die weltliche Macht Ketzer bestraft sehen will, ähnlich, wie es auch ein Teil der iranischen Geistlichen tut, mit denen Waldstein über den „Vienna-Qom Circle for Catholic-Shi'a Dialogue on Religion, Philosophy and Political Theory” im Austausch steht. Das Problem ist nur offensichtlich: wenn islamische Geistliche dies ebenso tun, wie katholische und teils protestantische Geistliche und sich jeder auf seine Offenbarung beruft, bekommen wir ein Problem.

Ein Problem hat nun aber zunächst Waldstein, und zwar mit der katholischen Kirche, die ihn dazu brachte, zu widerrufen und alle älteren Texte aus dem Internet zu löschen. Damit übt sie dann aber genau den Gewissenszwang in Glaubensfragen aus, den sie laut Zweitem Vatikanum nicht ausüben will. Und so landet man am Ende bei dieser absurden Situation: ein katholischer Theologe, der für einen gewissen Zwang in Glaubensfragen offen ist, wird von einer katholischen Kirche unter Zwang sanktioniert, da diese seine Offenheit für Zwang in Glaubensfragen angeblich nicht teilt. Dies zeigt nun jedoch nicht, wie Ostritsch meint, dass „der Fall Waldstein neben den Problemen des Neo-Integralismus auch die inneren Widersprüche des Liberalismus offen zutage treten lässt”. Denn ein liberales Vorgehen hätte kein Problem damit, dass Waldstein argumentiert, wie er argumentiert und darauf schlicht mit Widerrede zu reagieren. Wer damit ein Problem hat, ist die katholische Kirche.

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Sebastian Schnelle

Der Autor ist promovierter Philosoph und betreibt den Podcast "vorpolitisch", in dem er sich mit gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart beschäftigt und mit Gästen v.a. aus Wissenschaft und Forschung spricht. Er hat zum Islamismus geforscht und publiziert und arbeitet aktuell an einem Buch über die Neue Rechte in Deutschland und ihre Ideengeschichte.

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