Reflektierende Islamkritik sowie Orientierung auf "Gleichheit der Geschlechter" notwendig

Der Islam und sexuelle Diskriminierung

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Dr. Abdel-Hakim Ourghi
Dr. Abdel-Hakim Ourghi

BERLIN. (hpd) Die Ereignisse der Silvesternacht, die massenhafte sexuelle Belästigung in Köln und anderen Städten, sind ein Präzedenzfall in der Geschichte Deutschlands, der möglicherweise auch in Zukunft das Verhältnis zwischen den Einheimischen und den zugewanderten Fremden definieren wird. Fest steht, dass die Täter aus der muslimischen Minderheitsgesellschaft stammen und die Opfer wehrlose Frauen aus der Mehrheitsgesellschaft sind. Diese komplett neue Dimension sexueller Gewalt und organisierter Kriminalität ist eine große Herausforderung für den Umgang nicht nur mit der Integration der neu angekommen Flüchtlinge, sondern auch mit ihrer islamischen Religionszugehörigkeit.

Die öffentliche Debatte über solche sexuellen Überfälle, die gewiss auch beim neutralen Beobachter Unbehagen auslösen, hat sich inzwischen differenziert. Während sich die Behörden anfangs in Vertuschungsbemühungen übten, wurde inzwischen das ganze Ausmaß der Geschehnisse offenbar und wird offen diskutiert, wobei Pauschalisierung und Verallgemeinerung vehement abgelehnt werden. Zwar möchte das rechte Lager mit seinem rassistischen Gedankengut selbstverständlich Kapital aus den Ereignissen schlagen, denn es sieht seine Vorurteile den Ausländern gegenüber bestätigt. Inzwischen rufen indes alle Politiker zu einer harten Bestrafung der Täter auf.

Köln: Sexuelle Belästigung und Islam – eine Verbindung?

Immer wieder werden Töne laut, dass sexuelle Belästigung mit dem Islam nichts zu tun hätte. Solch ein rhetorisches Schönreden erinnert an die Behauptung, dass der Islam mit Gewalt nichts zu tun habe. Muslimische Wortführer aus den Dachverbänden warnen vor einer "Kulturalisierung des Verbrechens" oder davor, alle hier lebenden Muslime als Sündenböcke zu behandeln. Manche Apologeten der Muslime wagen sogar den Vergleich, zwischen den jüngsten Ereignissen und Volksfesten wie dem Oktoberfest in München oder dem Kölner Karneval, bei denen häufig sexuelle Bedrängung und Belästigung von Frauen durch stark alkoholisierte Männer vorkomme. Wer sich so äußert, offenbart in dieser unangebrachten Verharmlosung seine Realitätsverleugnung und Ignoranz gegenüber den Opfern. Statt eines aufrichtigen Interesses an der Aufklärung der Gründe für solch ein unmenschliches Verhalten wird eine Beschönigung und Rechtfertigung bevorzugt, die letztendlich ein Bestandteil des Problems sein könnten. In diesem Diskurs zeigen sich wieder einmal die wohl gepflegten Mechanismen der Opferrolle der Muslime. Über die tatsächlichen Opfer, die sexuell belästigten Frauen, ihr schmerzhaftes Trauma und die daraus entstehenden Folgen wird hingegen geschwiegen.

Im Voraus soll gesagt sein, dass die Hintergründe für sexuelle Gewalt und Diskriminierung in unterschiedlichen Kulturen sehr unterschiedlich ausfallen können. Selbstverständlich darf man nicht alle Muslime als potentielle Sexualstraftäter betrachten. Verschiedene kulturelle Gründe in der islamischen Kultur, wie Bildung, Sozialisation, Erziehung und die Tabuisierung der Sexualität, spielen eine essentielle Rolle. Jedoch leistet auch der Islam selbst mit seinen kanonischen Quellen – dem Korantext wie auch der Tradition des Propheten (Sunna) – einen erheblichen Beitrag zur Verachtung von Frauen, die zu sexueller Gewalt gegen sie führt. Denn die enge Verbindung zwischen der Sexualität und der identitätsstiftenden Religion der Muslime ist nicht zu unterschätzen.

Die Bewertung der Frau im Koran

Seit der Entstehung des Islams im siebten Jahrhundert feiern die Muslime die koranische Offenbarung als Befreiung der Frauen vom Joch der Sklaverei der vorislamischen Zeit. Hierbei wird an das Verbot der vorislamischen Praxis, neugeborene Mädchen aus wirtschaftlichen Gründen zu verscharren, erinnert (Koran 81:8). Auch die gängige Praxis, dass die Witwe eines Verstorbenen gegen ihren Willen seinen Bruder heiraten musste, wird im Koran (4:19) verboten.

Dies ist jedoch ein ahistorisches Denkmodell, das mit der Verachtung der Frauen auf Basis des Korantexts und seiner historischen Rezeption nichts zu tun hat. Gewiss spielen einige Koranstellen aus der medinensischen Periode (622-632) bis heute eine zentrale Rolle bei der Unterdrückung der Frauen und ermutigen Männer zu ihrem abwertenden Umgang mit Frauen. Besonders in diesem Teil des Koran werden Frauen zur zweiten Klasse der muslimischen Gemeinde degradiert. Laut dem Koran (4:3) ist es dem Mann erlaubt, bis zu vier Frauen zu heiraten sowie mit seinen Sklavinnen im Konkubinat zu leben. Allerdings hat die Gleichbehandlung der vier Ehefrauen einen sehr hohen Stellenwert. In derselben Sure (4:34) betont der Koran die einseitige männliche Dominanz gegenüber Frauen, denn „die Männer stehen über den Frauen“. Somit genießen die Männer eine bessere Stellung in der Gesellschaft. Diese Koranstelle legt die Hierarchie zwischen den Geschlechtern eindeutig fest. Ist die Frau widerspenstig, so muss sie von ihrem Ehemann ermahnt, im Ehebett gemieden und geschlagen werden (4:34). Daher fordert das islamische Recht die Unterwerfung der Frauen und ihren absoluten Gehorsam. Bei der Erbteilung gesteht der Koran ihnen nur die Hälfte des Anteils ihrer Männer zu (4:11-12). Auch im Prozessrecht zählen die Frauen als Zeuginnen nur zur Hälfte (2:282). In Sure 2, Vers 223 werden Frauen gar als "Saatfeld der Männer" bezeichnet; die Männer zu ihnen gehen, wo immer sie wollen.

Das Bild der Frau in der Sunna

Ich möchte an dieser Stelle die Authentizitätsfrage zur Überlieferung der Tradition des Propheten beiseitelassen. Ich betrachte die Sunna als historisches Konstrukt der Menschen, das aus ideologischen Gründen zwei Jahrhunderte nach dem Tod Mohammeds zusammengestellt wurde. Dessen ungeachtet gilt die Sunna jedoch neben dem Korantext als Maß aller Dinge. Ihrer Überlieferung ist Folge zu leisten, so dass sie als zweite Instanzquelle im Alltag der Muslime nicht nur einen zentralen Rang einnimmt, sondern immer wieder bei der islamischen Rechtsfindung mit dem Korantext konkurriert. Und tatsächlich vermittelt auch die Sunna kein gutes Bild von Frauen. Sie verschärft sogar noch deutlich deren Einschränkungen. Häufig finden sich Aussagen wie etwa: "Frauen mangelt es an Verstand und Religion", "das Gebet wird ungültig, wenn eine Frau, ein Esel oder ein Hund an dem Betenden vorbeilaufen", "die meisten Bewohner der Hölle sind Frauen", "Frauen sind durch und durch verdorben, deswegen sperrt sie zu Hause ein" oder "wenn der Prophet jemandem befehlen würde, sich vor jemandem niederzuwerfen, dann würde er sagen, dass sich die Ehefrau vor ihrem Ehemann niederwerfen soll".

Patriarchalische Normstrukturen im islamischen Recht

Auf diesen Grundlagen legte das islamische Recht im Laufe der Jahrhunderte den Grundstein zu Geringschätzung und Erniedrigung der muslimischen Frauen. Im Interesse der männlichen Dominanz, die von Stammesgeist und Clanmentalität beherrscht wird, werden sie auf sexuelle Objekte reduziert. Neben Dingen und Tieren werden sie als komplementärer sexueller Genuss behandelt, denn als Werkzeug erfüllen sie die Funktion, das männliche Gemüt zu befriedigen. Frauen dürfen keine politischen Ämter innehaben, sonst würde Gott ihre Gesellschaft verfluchen. Verließe die Frau ihr Zuhause ohne Kenntnis oder Einverständnis des Ehemannes, so würden die Engel sie verfluchen, bis sie zurückkehrt. Auf Reisen muss sie unbedingt von ihrem Vormund begleitet werden. Und tatsächlich werden Frauen in einigen arabisch-muslimischen Ländern ohne männliche Begleitung leicht/oft Opfer sexueller Nötigung. Nicht einmal die Kopfbedeckung kann sie vor dem Sexualtrieb der Männer schützen. Diese desolate Lage zwingt die muslimischen Frauen, sich mit ihrem Schicksal als Unterdrückte abzufinden und sogar auf ihre eigenen Rechte zu verzichten. Letztendlich sind sie das Eigentum der Männer, die mit ihnen machen können, was sie wollen. Und wenn sie an Rebellion denken, dann stellen sie eine Gefahr dar, die dahingehend zu bestrafen ist, dass sie ihr Zuhause nicht verlassen bzw. nicht arbeiten dürfen.

Solche patriarchalen Normstrukturen, die sexistisches Denken unterstützen, sind ein Hindernis für die Autonomie der Frauen und haben dazu geführt, dass sie in zwei Kategorien eingeteilt wurden: entweder "heilige Mutter" oder "billige schleierlose Huren". Ganz zu schweigen von Frauen, die nicht muslimisch sind! Denn diese sind ungläubig; mit ihnen darf ein Mann machen, was er will.

Die Bedeutung der "Ehre" in der arabisch-islamischen Gesellschaft

Keine Vorstellung bestimmt den Alltag der arabisch-islamischen Gesellschaft und das Frauenbild so sehr wie die "Ehre". Die Ehre der männlichen Herrschaft definiert sich über das vorbildliche Benehmen der Frauen außerhalb des Hauses. Für Frauen darf es keinen Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe geben. Tut dies hingegen ein Mann, so wird die Würde der Familie nicht in Frage gestellt. Jeder gesunde Umgang zwischen den Geschlechtern bleibt Frauen somit untersagt, weshalb man sich nicht wundern darf, dass sexuelle Gewalt ein Bestandteil des Alltags der Menschen in der arabisch-islamischen Kultur ist. Auch wenn die Wahrheit unangenehm sein mag, vergeht kaum ein Tag im Bewusstsein der Menschen, an dem keine exzessive Gewalt von einigen muslimischen Tätern ausgeht.

Arabische Muslime in Fesseln einer unaufgeklärte Kultur gefangen

Die Ereignisse sexueller Belästigung durch muslimische Migranten in Deutschland zeigen uns nun, dass die Menschen aus dem arabisch-islamischen Raum in den Fesseln einer unaufgeklärten Kultur gefangen sind. Bereits im Jahre 2002 diagnostizierte Abdelwahab Meddeb (1946-2014) dem Islam einen pathologischen Zustand, "die Krankheit des Islams", die in seinem Körper wüte. Diese unter anderem hausgemachte Krankheit bedarf mehr denn je eines innerislamischen Therapieprozesses auf der Basis eines Aufklärungsprogramms. Ich wage es, in diesem Zusammenhang einen Satz von Immanuel Kant (1724-1804) zu zitieren: "Aus so krummem Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann kein ganz Gerades gezimmert werden." Die oft beschworene frühislamische Glanzzeit, aus der die Muslime ein Überlegenheitsgefühl anderen gegenüber schöpfen, ist eine inhaltslose Nostalgie, welche der heutigen Realität des Islams und seiner Anhänger nicht entspricht.

Notwendig: Reflektierende Islam- und Selbstkritik sowie "Gleichheit der Geschlechter"

Ist der Islam dabei, sich abzuschaffen? In seiner althergebrachten Tradition, die nicht mehr zeitgemäß ist, bekämpft er sich selbst. Auch der nicht reformierbare Islam in seinen politischen Ausprägungen zeigt sich als ernstzunehmende Konkurrenz dem universalen ethischen Sinngehalt des mekkanischen Korans gegenüber. Gewiss benötigt die islamische Welt dringend nicht nur eine sexuelle Erziehung, welche Frauen und Männer als gleichberechtigt ansieht, sondern auch eine reflektierende Islam- und Selbstkritik auf Grundlage des Vernunftgebrauchs, die den Weg für die Etablierung eines modernen und humanistischen Islams ebnet. Auf einen nicht kritikfähigen und unaufgeklärten Islam kann die Aussage "der Islam gehört zu Deutschland" nicht zutreffen.

Dekadenz und Glaubwürdigkeit

Ohne Hass zu schüren und ohne Furcht vor der Islam- und Selbstkritik zu haben, müssen die Gründe für die Dekadenz im kollektiven Bewusstsein der arabisch-islamischen Kulturen erhellt werden. Das dynamische Verdrängen aus Angst vor dem Verlust der eigenen religiösen Identität ist keine zufriedenstellende Lösung für akute Probleme wie die Gewalt des politischen Islams oder die sexuelle Belästigung von Frauen. Auch die Glaubwürdigkeit des Islams in der modernen Welt und sein Übergang in humanistische Werte stehen und fallen mit der Frage des Umgangs mit den Frauen. Die islamische Theologie und Religionspädagogik müssen im Unterbewusstsein verankerte Sachverhalte wie Sexualität und Gewalt gegen Frauen oder Andersdenkende offen thematisieren. Denn eine Religion, die Menschen in Gläubige und Ungläubige kategorisiert und die eigenen Kinder nicht schützt, zeigt deutlich, dass dringend eine Reflexion gebraucht wird. Solche verantwortungsvollen Aufgaben können auch von muslimischen Frauen übernommen werden. Der durch selbstbewusste Frauen getragene Emanzipationsprozess kann sie von der kollektiven Last ihrer Unterdrückung befreien.

Dr. Abdel-Hakim Ourghi ist Leiter des Instituts für Islamische Theologie und Religionspädagogik der Universität Freiburg. Der in Algerien geborene Wissenschaftler kennt die islamisch-arabische Gesellschaft nicht lediglich aus Studien, sondern aus eigener Anschauung. Seine Islam-Analysen haben ihn zu dem Ergebnis geführt, dass der Islam eine "kritikfähige Renaissance" benötige. Dr. Ourghi, der als einer der besten Korankenner in Deutschland gilt, scheut auch die Auseinandersetzung nicht: er kritisiert vehement die Positionen und die Dominanzbestrebungen der konservativ-orthodoxen Islamverbände. Im hpd erschien im Anfang Februar ein Artikel von Dr.Ourghi mit dem Titel "Eine unheilige Allianz mit desaströsen Folgen". (W.O.)