Zum 250. Todestag

David Hume, der Religionskritiker

Heute jährt sich der Todestag von David Hume zum 250. Mal. Eine Würdigung des wahrscheinlich authentischsten Vertreters der Aufklärung.

David Hume
Eine fotorealistische Darstellung David Humes

David Hume starb am 25. August 1776 in seiner Heimatstadt Edinburgh ohne die angeblichen Tröstungen der Religion, aber in Frieden mit dem unausweichlichen Lauf der Dinge. Als Tage später der Sarg aus dem Haus getragen wurde, hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Aus der Menge rief einer: „Hume war ein Atheist!“, woraufhin ein anderer erwiderte: „Macht nichts. Er war ein guter Mensch.“ Eine Woche lang bewachten Freunde nachts das Grab des Philosophen, da sie eine Schändung des Leichnams befürchteten. Das Wachs ihrer Kerzen war noch lange zu sehen.

Hume wurde 1711 im Süden Schottlands in eine berühme Rechtsanwaltsfamilie geboren. Da der Vater starb, als sein später so berühmter Sohn gerade zwei Jahre alt war, übernahm die tiefreligiöse Mutter sowie der gottesfürchtige Onkel, der Gemeindepfarrer, die Erziehung des Jungen. Der kleine David wurde gewissenhaft in den Lehren seiner Heimat unterrichtet, und zwar in einer besonders rigiden Form des Calvinismus.

Die Kirche Schottlands war von John Knox reformiert worden, dem noch unbarmherzigeren schottischen Schüler des unbarmherzigen Jean Calvin, des „Despoten von Genf“. Knox lehrte die gänzliche Verderbtheit des Menschen, dessen angeborene Sündhaftigkeit und völlige Unfähigkeit zur Moralität ohne die Gnade Gottes. Aufgrund der Erbsünde seien Menschen schuld an Schmerz, Leid und Tod, weshalb den meisten ewige Pein drohe. 

In jungen Jahren hielt Hume diese Doktrinen für wahr und versuchte, sein Leben in Einklang mit ihren Forderungen auszurichten. Aber im Alter von etwa 18 Jahren begann er, sich aus der strengen Kammer des Calvinismus zu befreien. Der Preis für diese Opposition zur Tradition war jedoch extrem hoch: Fast ein halbes Jahrzehnt litt Hume unter schweren psychosomatischen Störungen, musste schließlich ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und „anti-hysterische“ Pillen schlucken. Dann endlich war er bereit, sich einzugestehen, dass mit ihm alles in Ordnung ist, nicht jedoch mit den überzogenen Forderungen einer Lehre, welche die Lebensfreude zerstört, Vernunft und Sexualität dämonisiert, Neugierde als sündhaft bezeichnet und es als Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit ansieht, dass die meisten für ewig verdammt sein werden. Wie ein roter Faden zieht sich diese Erkenntnis durch Humes Werk: zum einen die Kritik an der Religion und zum anderen die Verteidigung eines positiven Menschenbildes.

Es waren in Summe drei Fragestellungen, mit denen sich Hume bezüglich des Phänomens von Religion beschäftigte:

Was sind die Ursachen von Religiosität?

Hume kommt zum Schlus, dass sie ein zeitlich sekundäres Phänomen sei, womit gemeint ist, dass Religiosität auf keinem angeborenen Antrieb beruhe, sondern als Reaktion auf Erfahrungen von Leid, Angst und Tod zu verstehen sei. Menschen personifizieren die ihnen unbekannten Ursachen und imaginieren Götter, die sie – wie bei Menschen üblich – durch Bitten, Gebete oder Opfer zu beeinflussen suchen, um den „Druck der Realität“, wie Sigmund Freud dies nannte, ertragen zu können. Diese Überlegungen führt Hume in der 1757 erschienen „Naturgeschichte der Religion“ näher aus, dem Beginn und zugleich einem der Höhepunkte der systematischen Religionspsychologie und -soziologie.

Wie gut begründet sind eigentlich religiöse Lehren?

Bezüglich dieser Frage kommt Hume zum Ergebnis, dass alle Gottesbeweise scheitern und das Theodizee-Problem unlösbar ist. Seiner Meinung nach kann somit weder die Annahme der Existenz Gottes noch dessen Güte und Gerechtigkeit in überzeugender Weise gerechtfertigt werden. Hume begründet dies insbesondere in den erst postum erschienenen Dialogen über natürliche Religion, dem vielleicht wichtigsten Werk der Religionsphilosophie. 

Als Alternative zur Vorstellung, dass die Ordnung der Natur auf einen gütigen und weisen Schöpfergott verweise, entwirft Philo, der Held des Dialogs, die Möglichkeit, dass nicht durch Planung, sondern durch Anpassung Ordnung entstanden sein könnte: „Finden wir nicht“, meinte der Philosoph, „dass die auseinanderfallende Materie irgendeine neue Form erprobt? [...] Und kann man nicht auf diese Weise den Anschein von Weisheit und Planung [...] erklären?“ Charles Darwin, der einige Zeit in Edinburgh studierte, hat diese Überlegung einer Evolution des Lebendigen sehr wahrscheinlich gekannt.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel von Humes religionskritischen Reflexionen ist seine 1748 veröffentlichte Wunderanalyse. Sie ist jener Teil seiner Philosophie, der am meisten Resonanz ausgelöst hat. Jahr für Jahr erscheinen Artikel, in denen Humes Gedankengang einmal kritisiert, dann wieder verteidigt wird. Diese Faszination ist durchaus verständlich, denn allein die drei großen Offenbarungsreligionen berufen sich auf solche historischen Wunderberichte und sind ohne sie nicht denkbar.

Hume ist der Meinung, dass der Glaube an ein von anderen bezeugtes Wunder niemals vernünftig sein könne, aufgrund des folgenden Vernunftprinzips: Der Glaube an die Existenz eines der traditionellen Wunder ist vernünftig genau dann, wenn die Glaubwürdigkeit der Zeugen wahrscheinlicher als das bezeugte Ereignis ist.

Nun widerspricht das angebliche Wunderereignis – wie ja auch von Gläubigen betont wird – notwendigerweise einer bekannten Gesetzmäßigkeit. Nur wenn Menschen sterblich sind, ist es ein Wunder, wenn einer wiederaufersteht, durch verschlossene Türen geht und ein bisschen Fisch kostet. Weil Wunder einer Gesetzmäßigkeit widersprechen, ist die Wahrscheinlichkeit des Wunderberichts von vorneherein äußerst gering. Also muss die Glaubwürdigkeit der Zeugen extrem wahrscheinlich, selbst ein Naturgesetz sein, damit der Glaube an das Wunder dennoch vernünftig ist.

Aber wie die Erfahrung zeigt, lügen Zeugen manchmal, wollen also andere täuschen, gelegentlich irren sie, sind also selbst Opfer kognitiver Täuschungen oder des Betrugs anderer. Mitunter sind es schlicht Eitelkeit und Machtstreben, die Menschen motivieren, ein Wunder zu verkünden: „Welche größere Versuchung“, schreibt Hume, „gibt es, als für einen Beauftragten, einen Propheten und Sendboten des Himmels gehalten zu werden?“1

Die Glaubwürdigkeit von Zeugen ist also keine Gesetzmäßigkeit, weshalb jeder Glaube an eines der traditionellen Wunder unvernünftig ist. Der Glaube daran basiert nicht auf rationalen Argumenten, sondern auf nicht-rationalen Beweggründen: „Die Affekte der Überraschung und des Staunens“, so Hume, „die ein Wunder hervorruft, sind eine angenehme Erregung.“ Es gibt also eine natürliche Bereitschaft, Unvernünftiges für wahr zu halten. 

Dreizehn Jahre nach der Veröffentlichung dieses Essays wurden alle Arbeiten Humes auf den katholischen Index der verbotenen Bücher gesetzt. Dort sind sie nicht mehr zu finden, aber noch heute scheint es in höchsten katholischen Gremien unehrenhaft zu sein, sich mit Humes Wunderanalyse zu beschäftigen. Denn die tausenden Seligsprechungen sind nur möglich, wenn Kandidaten, ehe sie zur „Ehre der Altäre“ erhoben werden, indirekt ein Wunder vollbracht haben. So wurde eine polnische Nonne in Brasilien aufgrund von Bitten des ehemaligen österreichischen Kaisers Karl auf wundersame Weise von ihren Krampfadern befreit. Bei Heiligsprechungen bedarf es sogar zwei derartiger Wunder.

In welchem Verhältnis stehen Religiosität und Moralität?

Hier lautet Humes These, dass – insgesamt gesehen – Religion für Moral eher eine Gefahr darstellt. Eines seiner Hauptargumente lautet, dass das Streben nach künftiger Seligkeit in Gottes Nähe Menschen engherziger und egoistischer werden lässt. So soll Jesus seine Anhänger durch den Appell an einen Jenseitsegoismus motiviert haben, die zum Teil bedenkenswerten Gebote zu befolgen: Seid nicht dumm! Seid klug! Sammelt keine Schätze auf Erden, die Motten zerfressen, sondern sammelt Schätze im Himmel! Auf längere Sicht gesehen, zerstört ein solches Interesse am ewigen Seelenheil die emotionale Basis von Moralität, nämlich Anteilnahme, Verständnis und Mitgefühl mit anderen. Hume zufolge werden wir damit – und folglich mit allen Notwendigkeiten eines moralischen Lebens – geboren. Diese Antriebe benötigen zur Realisierung der Vernunft und Kultivierung, nicht aber der Gnade Gottes.

Hume hat seine Überlegungen zum Verhältnis von Religion und Moral – wohl aus Sicherheitsgründen – in keiner eigenen Schrift erörtert, aber Reflexionen darüber finden sich im gesamten Werk. Aufgrund seiner religionskritischen Ansichten blieb Hume die übliche Laufbahn an einer Universität verwehrt, und einer der größten Philosophen, die je gelebt haben, musste sich dort mit dem Posten eines Bibliothekars begnügen. Am Cailon Hill in Edinburgh liegt unter einem Denkmal seit 250 Jahren der wahrscheinlich authentischste Vertreter der Aufklärung begraben.


1 David Hume: An Enquiry Concerning Human Understanding, Chapter 10.

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Gerhard Streminger

Der Autor wurde 1952 in Graz in Österreich geboren. Ab 1970 ging er einem Studium der Philosophie und Mathematik in Graz, Göttingen, Edinburgh und Oxford nach. Von 1975 bis 1997 war er am Institut für Philosophie der Universität Graz beschäftigt, wo er 1978 promovierte. Drei Jahre später war er als Visiting Professor an der University of Minnesota in Minneapolis tätig.

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