Islamrats-Chef Kesici bekräftigt im Deutschlandfunk seine „Abnormalitäten“-Rhetorik und gibt umfassende Ehrenerklärung für die Millî Görüş

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD vom 25. Juli und der nachfolgenden Debatte zu Homophobie und Queerfeindlichkeit stellte sich Islamratschef Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrats, am 1. August im Deutschlandfunk den Fragen zu seinen ZDF-Äußerungen.

Akzeptanzkampagne „Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin“
Tugay Saraç stellt die Bildmotive der Akzeptanzkampagne „Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin“ vor.

Auf die Eingangsfrage, warum er Homosexuelle für abnormal halte, antwortete der Islamrats-Vorsitzende: „Die Theologie erlaubt bestimmte Sachen und verbietet bestimmte Sachen. Und alles, was sozusagen verboten ist, ist abnormal. Das ist ein theologischer Fachbegriff.“ Auf Nachfrage schob er die Unterscheidung nach: „Wir bezeichnen nicht die Homosexuellen als abnormal, sondern den Akt als abnormal.“ Ob darin bereits eine Diskriminierung liege, verneinte Kesici.

Seine im ZDF getroffene Aufzählung bestritt er im Interview rundheraus. Der Moderator hielt ihm vor, er habe Homosexualität in eine Reihe mit Obdachlosigkeit, Alkoholismus und Gewalt an Frauen gestellt, und fügte hinzu, er habe den Beitrag am Vorabend noch einmal gesehen. Kesici antwortete: „Nein, das habe ich nicht gemacht, sondern ich habe nur versucht, Beispiele für Normalität und Abnormalität darzustellen.“ Der ZDF-Beitrag ist nachprüfbar und widerlegt Kesicis Behauptung.

Nach seinem eigenen Anteil an homophoben Gewalttaten gefragt, räumte Kesici allgemein ein, jede Äußerung könne „Wirkung mit sich bringen“, verwies auf die „Harmonie“, die seine Gemeinden in die Gesellschaft trügen, und verortete Radikalisierung grundsätzlich außerhalb der Verbandsstrukturen: Radikalisierte hätten „keine Gemeindebindung“. Auf die hypothetische Frage, was er einem gläubigen Schüler sagen würde, der sich als homosexuell anvertraut, berichtete er von Ratsuchenden, deren Brüder „homosexuell geworden“ seien; sein Rat habe gelautet, die Beziehung zum Bruder aufrechtzuerhalten. Homosexualität erscheint in dieser Formulierung als Vorgang, der jemandem widerfährt oder begangen wird, und Akzeptanz als familiäre Bewältigungsaufgabe.

Für den größten Mitgliedsverband des Islamrats gab Kesici eine umfassende Ehrenerklärung ab. Zur Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), die das Bundesamt für Verfassungsschutz als größte islamistische Organisation in Deutschland führt, sagte er: „Millî Görüş ist nicht radikal, Millî Görüş ist nicht problematisch und macht auch sehr gute Arbeit.“ Die Einstufung durch den Verfassungsschutz wischte er beiseite: „Das sind so andere Meinungen“.

Der Behauptung, „abnormal“ sei ein theologischer Fachbegriff, widersprach noch am selben Tag der Mitgründer der Alhambra-Gesellschaft Eren Güvercin öffentlich auf X. Einen solchen Begriff gebe es in der islamischen Theologie „schlicht nicht“. „Abnormal“ sei „keine theologische Kategorie, sondern eine persönliche Abwertung – seine und die seiner Organisation. Sie hinter einem theologischen Gewand zu verstecken, ändert daran nichts. Es ist ein rhetorischer Trick, kein Argument.“

Mit dem DLF-Interview liegt nach dem ZDF-Auftritt eine zweite ausführliche Selbstauskunft des Islamrats-Vorsitzenden vor. Sie dokumentiert die Abwertung queeren Lebens im theologischen Gewand, das Bestreiten einer nachhörbaren eigenen Aussage und eine umfassende Ehrenerklärung für eine vom Verfassungsschutz als islamistisch eingestufte Organisation. Die offenen Fragen an die verantwortliche Politik haben an Dringlichkeit gewonnen. Eine Antwort steht weiterhin aus.

Kesici wirkt bis heute über staatliche und gesellschaftliche Beteiligung beispielsweise an der universitären Ausbildung von Islam-Lehrkräften, Religionspädagogen und Theologen mit. Die staatliche Deutsche Islam Konferenz (DIK) präsentiert Kesici auf der amtlichen Website noch aus der Zeit des CSU-Innenministers Horst Seehofer als Dialogpartner, der die Abstimmung mit dem Bundesinnenministerium als „vertrauensvoll und konstruktiv“ würdigt. Der AK Polis schreibt auf X, dass es sich dabei um ein selbst geschaffenes Strukturproblem der Politik handelt, das politisch aufgelöst werden kann.

Beim „Neuköllner Dialog für Integration“ (Juni, Rathaus Neukölln) verortete SPD-Staatssekretär Aziz Bozkurt den Islamrats-Vorsitzenden Kesici „klar im islamistischen Bereich“ – und stellt fest: „Kesici ist wie Höcke.“ Seyran Ateş fragte ihn daraufhin: „Aber wieso wird er dann von der Politik herangezogen für Religionsunterricht? Ist das Religion?“

Alle Quellen und Hintergründe auf der Website des Arbeitskreis Politischer Islam.
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