Islamismus, Israel und Identität: Warum die LGBTQ-Szene gespalten ist
Die Islamismus- und Israelfrage spaltet die LGBTQ-Bewegung. Bei den einen zeigt sich – vor und nach dem islamistischen Anschlag auf den CSD – ein Unvermögen, die LGBTQ-Feindschaft des Politischen Islam zu fassen. Für die anderen ist es selbstverständlich, sich in der Tradition einer schwul-lesbischen Bürgerrechtsbewegung gegen den Islamismus als Bedrohung der eigenen Existenz zur Wehr zu setzen. Was bewegt die einen? Was die anderen? Gleichzeitig existieren Grautöne: Stimmen, die explizit Anleihen beim Queeraktivismus machen und sich dennoch aktiv gegen den Islamismus positionieren.
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Der Täter des islamistischen Anschlags am Rande des CSD Berlin, Abdul Ballout, war seit Jahren als Islamist und Gefährder bekannt. Er verbreitete homophobe Propaganda im Internet und wählte den Berliner CSD aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zufällig als Tatort. Eine Frau starb, 31 Menschen wurden teils schwer verletzt. Die LGBTQ-Szene ist erschüttert. Doch die Bewältigungsversuche klaffen auseinander. Alte Konfliktlinien treten offen zutage.
Serie islamistischen Terrors gegen LGBTQ
Dabei war der Berliner CSD keineswegs das erste Ziel islamistisch motivierter LGBTQ-Feindlichkeit. Seit Jahren geraten Pride-Veranstaltungen, LGBTQ-Einrichtungen und homosexuelle Menschen immer wieder ins Visier islamistischer Täter.
Bereits im Oktober 2020 griff ein islamistischer Gefährder in Dresden ein schwules Paar mit einem Messer an. Einer der beiden Männer wurde getötet, sein Partner schwer verletzt. Im selben Jahr wurde in London ein Islamist verurteilt, nachdem er einen Anschlag auf die London Pride geplant hatte. 2022 eröffnete ein Islamist während des Pride-Wochenendes in Oslo das Feuer auf zwei queere Bars; zwei Menschen wurden getötet, mehr als zwanzig verletzt. Ebenfalls in diese Reihe gehört der islamistisch motivierte Anschlag auf den LGBTQ-Nachtclub „Pulse“ in Orlando, bei dem 2016 insgesamt 49 Menschen ermordet und 53 verletzt wurden.
2023 nahmen österreichische Sicherheitsbehörden drei islamistisch radikalisierte Jugendliche fest, die mutmaßlich einen Anschlag auf die Pride-Parade in Wien geplant haben sollen. 2024 verhinderten Schweizer Behörden den mutmaßlichen Anschlagsplan zweier Jugendlicher auf die Zurich Pride. Auch gegen den CSD Köln kursierten 2024 Anschlagsdrohungen, die offenbar auf den Islamischen Staat zurückzuführen sind.
Anschlag wurzelt in LGBTQ-Feindschaft des Politischen Islam
Peter Neumann, Extremismusexperte am King's College London, sagte im Podcast von Paul Ronzheimer, Veranstaltungen mit Bezug zur LGBTQ-Szene seien nach jüdischen oder israelisch konnotierten Einrichtungen das Anschlagsziel Nummer zwei des islamistischen Terrorismus.
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Neben dem Antisemitismus gehört Homophobie zu den zentralen Ideologie-Elementen islamistischer Bewegungen. Sie ist jedoch nicht nur im Islamismus, sondern vielfach auch im konservativ-orthodoxen Alltagsislam sowie in muslimisch geprägten Herkunftsgesellschaften tief verankert. In ihrer Propaganda inszenieren sich Islamisten – ähnlich ultrakonservativen Christen – als Verteidiger der traditionellen Familie und von Kindern gegen Queerness und LGBTQ (siehe Bild). Die meisten Staaten, in denen auf Homosexualität Haft- oder sogar Todesstrafen stehen, sind muslimisch geprägt oder begründen ihre Gesetzgebung mit der Scharia. Homosexualität gilt im Politischen Islam als Sünde oder Krankheit, Queerness als Unzucht, Ausdruck westlicher Dekadenz und Bedrohung der göttlichen Ordnung.
Queeraktivismus oder Bürgerrechtsbewegung – unterschiedliche Losungen
Der Anschlag ist somit weder ein Einzelfall noch überraschend. Er wurzelt in der LGBTQ-Feindschaft eines politischen oder fundamentalistischen Islamverständnisses und reiht sich in eine Serie vergleichbarer islamistischer Angriffe ein. Doch die Losungen, die innerhalb der LGBTQ-Szene im Umgang mit dieser islamistisch motivierten LGBTQ-Feindlichkeit vertreten werden, könnten unterschiedlicher kaum sein.
Grob lassen sich in der LGBTQ-Bewegung zwei „Strömungen“ unterscheiden: Auf der einen Seite stehen poststrukturalistisch geprägte, stark identitätspolitisch orientierte Queeraktivisten. Auf der anderen Seite stehen LGBTQ- beziehungsweise LGB-Aktivisten, die sich primär in der Tradition einer klassischen Bürgerrechtsbewegung verstehen und Trans-, Queer- oder Gender-Theorien teils als Ideologien begreifen, mit denen sie sich in einem Interessenkonflikt sehen.
Islamistische Gewalt – nur niemals von Islamisten kommend
Ein besonders prägnanter Ausdruck der ersten Strömung sind die sogenannten „Queers for Palestine“. Um das vorwegzunehmen: Es geht hier nicht darum, Schadenfreude zu versprühen – nach dem Motto: „Jetzt trifft es endlich die Richtigen“, wie es etwa von Rechtsaußen nach dem islamistischen Anschlag auf eine Gewerkschaftsdemo in München zu hören war. Vielmehr geht es darum, aufzuzeigen, welche gefährlichen Blüten eine queeraktivistische Diskursverschiebung treiben kann, wenn der Blick von einem erheblichen Anteil LGBTQ-feindlicher Gewalt weggelenkt und stattdessen Solidarität mit islamistischen Akteuren geübt wird.
Beginnen wir mit der Rezeption des Anschlags in diesen Kreisen. Repräsentativ für Teile der queeraktivistischen Szene können die Internationalist Queer Pride Berlin (IQP) und der Dyke* March Berlin („Dyke“ = umgangssprachlich „lesbisch“) stehen. Betrachtet man deren Reaktionen auf den Anschlag, fällt auf: kein Wort zum islamistischen Tatmotiv, kein Wort zur islamistischen Biografie des Täters – nicht einmal sein Name fällt. Stattdessen dominieren Allgemeinplätze über Queerfeindlichkeit und Warnungen vor einer allgemeinen rechten gesellschaftlichen Stimmung. Der Dyke*March sprach etwa von einer Politik, die den Anschlag entweder ermöglicht habe oder nun zu „instrumentalisieren“ wisse. So erklärte eine Rednerin auf der Gedenkkundgebung, der Anschlag sei in einem politischen Umfeld entstanden, das „jede Chance nutzt, um rassistische Ressentiments zu befeuern“.
Der International Queer Pride Berlin warnte derweil vor „Homonationalismus“ – also der These, Staaten würden LGBTQ-Rechte zur Imagepflege nutzen – sowie vor „Pinkwashing“, dem Vorwurf, westliche Staaten würden Menschenrechtsverletzungen mit dem Verweis auf fortschrittliche LGBTQ-Rechte verschleiern. Kurzum: Offene, moderne Gesellschaften und ihre progressive LGBTQ-Politik werden damit selbst zum Problem erklärt – ihr Schutz wird ihnen zum Vorwurf gemacht. Zuvorderst trifft diese Unterstellung Israel, das die Queertheoretikerin Jasbir K. Puar als „pioneer of homonationalism“ brandmarkt.
Die Linkspartei Neukölln blies ins gleiche Horn. In ihrem Statement monierte sie die „gezielte Verbreitung queer- und transfeindlicher Ideologie durch rechte und konservative Akteure“, welche „den Boden für Angriffe wie den gestrigen“ bereite. Ein ähnliches Ausweichmanöver zeigte sich bei Alfonso Pantisano, dem Queerbeauftragten des Berliner Senats. Dieser hatte zwei Tage vor dem Anschlag im rbb erklärt, die Gefahr für die LGBTQ-Community gehe von Rechten aus. Nach dem Anschlag unterstrich er, Islamisten seien eine Untergruppe rechter beziehungsweise konservativer Kräfte. Auch der Podcaster Tilo Jung ordnete Islamismus kurzerhand als „rechtsextreme Strömung“ ein. Selbstredend existieren beachtliche Schnittmengen, über die hier mehrfach geschrieben wurde. Aber der Islamismus kennt in der Regel weder Hautfarben noch Nationalstaaten und muss als eigene Kategorie begriffen werden, sofern man ihn wirklich bekämpfen will.
Es ist jener Dyke* March, bei dem 2024 „Yallah Intifada“ skandiert wurde, eine Verherrlichung des antisemitischen und islamistischen Terrors gegen Israel. Es ist jener Internationalist Queer Pride Berlin, der wenige Stunden vor dem Anschlag als Alternativ-Veranstaltung zum Berliner CSD stattfand, da dieser als zu „kommerziell“ kritisiert wird. Dort kam es zur ideologischen Unterstützung der Hamas, und ein Schild mit der Aufschrift „Thank you Iran“ war zu sehen – eine offene Sympathiebekundung für ein Regime also, das Homosexuelle an Baukränen erhängt. Es ist jene Linkspartei-Gruppe, die bereits zu Veranstaltungen mit Akteuren aus dem Hamas-Umfeld aufrief. Und es ist jener Tilo Jung, der ungeniert Hamas-Führungspersönlichkeiten im Westjordanland interviewte.
War Abdel Ballout ihnen zufolge also Mitglied der AfD oder gar der Partei „Die Heimat“? Hat er die Junge Freiheit oder den Deutschland-Kurier gelesen? Diese queeraktivistischen Reflexe wirken wie verzweifelte Erklärungsversuche, um das eigene Weltbild nicht ins Wanken zu bringen. Sie sollen davon ablenken, dass man über Jahre hinweg auf dem islamistischen Auge blind war. Dahinter steht ein wiederkehrendes Muster, das mitunter durch die Adaption queertheoretischer Deutungen geprägt wurde.
Nicht nur erklärte die Queer-Ikone Judith Butler den islamistischen Terror des 7. Oktober zum „Widerstand“. Auch der palästinensische Professor Sa’ed Atshan vom Swarthmore College, der sich selbst als queer bezeichnet, lokalisiert die Ursachen einer ausgeprägten Homophobie in der palästinensischen Gesellschaft nicht vordergründig in deren Werten und ideologischen Weltanschauungen, sondern in einer „broader landscape of the denial of freedom to Palestinians“. Ebenso verorten das dekoloniale Autorenduo Lara Sheehi und Stephen Sheehi etwa die innerpalästinensische patriarchale Gewalt gegen Frauen nicht in der Sexualmoral von Ehrkulturen, sondern in der „Fremdbestimmung des Innenlebens“ als Technik des „Siedlerkolonialismus“1. Ein ähnliches Coping ließ sich schon eindrücklich in der queerfeministischen Szene nach der Kölner Silvesternacht 2015 beobachten: Anstatt die politisch-islamische Sozialisation der Täter angemessen zu adressieren, wurde über „antimuslimischen Rassismus“ gesprochen.
Sei es der Hamas-Terror am 7. Oktober, die Kölner Silvesternacht oder die homophobe Attacke des IS-Sympathisanten Abdel Ballout: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Die Täter hatten die falsche Herkunft, die falsche Hautfarbe, die falsche Religion. Über dem Politischen Islam als Gewalt- und Terrormotor liegt hier ein Tabu. Im queeraktivistischen Weltbild werden Muslime vor allem als Opfer identifiziert: als ewig Unterdrückte, die niemals Täter sein können – und wenn sie dennoch unrühmlich in Erscheinung treten, dann entweder aus einem anderen, vorgelagerten Leidenszusammenhang heraus oder schlicht als „Rechte“, wie alle anderen queerfeindlichen Täter auch.
Mit jenen ausschließlich als marginalisiert betrachteten Muslimen wähnen sich die Queeraktivisten nämlich in einem intersektionalen Bündnis, das vor jeder Desillusionierung bewahrt werden muss. Wer queer ist, stehe zugleich auf der Seite von Schwarzen, des Globalen Südens, der Muslime und der Palästinenser – so der identitäre Bekenntniszwang. Solange es gegen den Westen (mit Israel als Speerspitze) oder die weiße Mehrheitsgesellschaft geht, wird bei sexistischen und queerfeindlichen Ideologien eben ein Auge zugedrückt. Oder die Schuld wird anderswo gesucht. Niedrige Erwartungshaltung. Täter-Opfer-Umkehr. Doppelmoral. Stellen Sie sich einmal vor, nach einem rechtsextremen Anschlag würde man vor einem Anstieg der „Deutschenfeindlichkeit“ warnen.
Gleiche Bürgerrechte statt Identitätspolitik
Allerdings dürfen die islamogauchistischen Irrungen der Queerszene nicht als stellvertretend für die gesamte LGBTQ-Community betrachtet werden. Das würde einerseits all jenen Unrecht tun, die aus ihrem sexuellen Begehren oder ihrer sexuellen Identität kein Politikum machen. Andererseits würde es die vielen LGBTQ-Aktivisten übersehen, die sich seit Jahren aktiv gegen Islamismus engagieren. Diese islam(ismus)kritischen Stimmen reichen von links über liberal und libertär bis hin ins konservative Spektrum, von Atheisten und Ex-Muslimen bis hin zu aufgeklärten Juden, Christen oder Muslimen.
Ihre Wachsamkeit gegenüber der islamistischen LGBTQ-Feindschaft mag dabei auf zwei, wenn nicht gar drei Eigenschaften zurückzuführen sein: Realitätssinn. Keine Glorifizierung von Identität. Und der Appell an Bürger- statt an Gruppenrechte.
Wenige Stunden nach dem Anschlag veröffentlichte die Initiative Queer Nations eine Stellungnahme mit den Sätzen: „Islamismus bedroht nicht nur jüdisches Leben, freiheitlich orientierte Muslime und demokratische Institutionen, sondern auch die Freiheit und Sicherheit von LGBTIQ. Wer diese Gefahr aus Angst vor falschen Vorwürfen verschweigt, lässt die Betroffenen im Stich.“
Diese Klarheit ist herausragend. Sie kommt von einer Initiative, die sich zwar der „Förderung von queeren Wissenslandschaften“ verschrieben hat, ihre Arbeit aber ausdrücklich unter die Begriffe „Aufklärung und Emanzipation“ stellt. Statt queerem Kollektivismus bewahrt sie sich ein rationales Gespür für politische Prioritäten und übt ausgesprägt Selbstkritik an der „eigenen“ Szene. Dabei werden Reizthemen absolut nicht ausgespart: die Würdigung des CSD in Tel Aviv, das autoritäre Gehabe des „Queerismus“, wie Jan Feddersen (Vorsitzender von Queer Nations und taz-Redakteur) ihn nennt, wenn Begehren zum Lifestyle, zur Befindlichkeitsdiktatur und zum Aktivismus verabsolutiert wird, die Unterminierung von Frauen- und Homosexuellenrechten durch das Selbstbestimmungsgesetz beziehungsweise der Transideologie sowie der Antisemitismus in Teilen der queeren Szene.
Dieses „Lager“ betont immer wieder, welche Wirklichkeit einem als LGBTQ-Person auf den Straßen entgegenschlägt und woher Hass und Aggressionen tatsächlich rühren: „Islamismus als tödliche Ideologie“ (Queer Nations), No-Go-Areas für Homosexuelle in Berlin-Neukölln, wie sie die Initiative Ehrlos statt Wehrlos bereits 2020 anhand konkreter Vorfälle thematisierte, oder die wiederkehrenden Attacken auf Homosexuelle durch überwiegend junge Männer mit Migrationshintergrund auf der queeren Feiermeile Schaafenstraße in Köln.
Diese Homophobie neuer Qualität – es sind eben nicht mehr zuvorderst Rechtsextreme oder weiße Deutsche – wird von vielen LGBTQ-Personen als bedrohliche Realität wahrgenommen. Besonders einprägsam benennt sie der ex-muslimische, libertär bis konservative Blogger und Homosexuelle Ali Utlu aus Köln, wie zuletzt in der Welt. Nach dem diesjährigen Kölner CSD berichtete er von einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit pöbelnden Männern mit Migrationshintergrund. Immer wieder betont er die islamistische Gefahr – und erhält dafür in den Sozialen Medien viel Zuspruch aus einer Szene, die sich ausdrücklich als „gay“ und nicht als „queer“ versteht.
Mit weniger Klarheit, aber immerhin mit einer gewissen Sensibilität thematisierten selbst die Veranstalter des angegriffenen Berliner CSD im Vorfeld neben der AfD auch die türkisch-deutsche, muslimisch geprägte Partei DAVA als homosexuellenfeindliche Kraft.
Besonders deutliche Kritiker des Islamismus innerhalb der LGBTQ-Szene finden sich weiterhin unter Menschen mit (ex-)muslimischen oder jüdischen Hintergründen sowie mit israelsolidarischen Bezügen. So behandelt etwa ein Beitrag des 2020 von Vojin Saša Vukadinović herausgegebenen Sammelbandes „Zugzwänge“ die Erfahrungen von Marco Kammholz und Ibrahim Willeke aus Köln. Willeke war nach Deutschland geflohen, nachdem er im Libanon wegen seiner Homosexualität aus dem dritten Stock eines Gebäudes geworfen worden war. Gemeinsam berichten sie von ihrer Arbeit bei Rainbow Refugees Cologne – Support Group und von LGBTQ-Geflüchteten, die in deutschen Sammelunterkünften weiteren Risiken durch muslimisch oder ehrkulturell sozialisierte Migranten ausgesetzt sind. Der Band dokumentiert ebenfalls Zerwürfnisse im Vorfeld eines Kölner CSD, bei denen islamkritische Äußerungen von Mitgliedern der Queer-Refugees-Laufgruppe in den Verdacht des „antimuslimischen Rassismus“ gerieten.
Der ex-muslimische Aktivist Amed Sherwan erhielt 2018 Morddrohungen, nachdem er sich mit einem Shirt mit der Aufschrift „Allah ist gay“ für den Berliner CSD angekündigt hatte.
Einen ähnlich klaren Kompass haben jüdische und israelsolidarische LGBTQ-Personen. Die queere jüdische Organisation Keshet Deutschland, die Initiative EastPride Berlin und der Verein Quarteera, der russischsprachige LGBTQ-Migranten zusammenbringt, waren auch 2026 beim Berliner CSD gemeinsam mit einer Lauftruppe und Wagen vertreten. EastPride Berlin verwies zügig nach dem Anschlag auf die dem Islamismus inhärente Homophobie, Misogynie und Judenfeindschaft.
Das Bündnis scheint Erfahrungen zu teilen: Beide Gruppen – Juden und LGBTQ-Personen – gehören zu denjenigen, die von Islamisten beziehungsweise radikalen Muslimen besonders aggressiv bedroht werden. Die russischsprachige LGBTQ-Gruppe kennt zudem den Machismo aus autoritär geprägten russischen Verhältnissen, der dem Machismo muslimischer Provokateure ähnelt.
Mit anderen Worten: Es ist vor allem die Ahnung darüber, von wem gegenwärtig die größte Gefahr für den eigenen Lebensentwurf ausgeht, und die Notwendigkeit, diese aus Selbstschutzgründen zu artikulieren. Sie konzentrieren sich nicht auf sogenannte Mikroaggressionen, etwa genderunsensible Sprache, sondern haben die Intuition für reale Gefahren nicht verloren.
Des Weiteren, so scheint es, beschränkt sich das politische Aktivismuslevel dieser Gruppierungen auf ein simples „Leben und leben lassen“, „gleiche Rechte“ und „Diskriminierungsfreiheit“. Keine Gruppenansprüche. Kein Minderheitenbonus. Sie treten eher unter der klassischen Regenbogenfahne als unter der Progressive Pride Flag auf, die für die Allianz mit Transaktivisten und BIPoC (worunter Muslime gefasst werden können) steht. Oder sie vertreten die Auffassung, dass mit der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe rechtlich im Wesentlichen alles erreicht sei und es letztlich nur noch um den Abbau von Homosexuellenhass im Alltag gehe.
Damit unterscheiden sie sich von Queeraktivisten, die ihr sexuelles Begehren in einen höheren revolutionären und identitären Zusammenhang einordnen oder sich in einem natürlichen Schulterschluss mit anderen Minderheiten verstehen – so konträr deren Anliegen auch sein mögen. Jenes LGBT-„Lager“ begnügt sich mit einem bürgerlichen Leben. Damit zieht es den Hass von Islamisten wie Queeraktivisten auf sich, wie der selbst homosexuelle Psychoanalytiker Tjark Kunstreich es auf den Punkt brachte:
„In der Realität sind die Opfer des Homosexuellenhasses in ihrer übergroßen Mehrheit weder weiß noch leben sie in New York. Sie werden verfolgt und ermordet, weil sie in einer Welt, die in Banden und Rackets zerfällt, für nicht gemeinschaftsfähig gehalten werden. Sie werden gehasst, weil sie nicht auf die Wärme der Kampfgemeinschaft, sondern die Kälte des bürgerlichen Rechts setzen, weil sie nicht von der Gnade der Gesellschaft abhängig sein, sondern im Appell ans Gericht ihr Heil suchen wollen, weil sie für eine gesetzlich abgesicherte Privatheit der Liebe statt um Beziehungen, mithin für die Standards einer bürgerlichen Normalität kämpfen.“2
Beobachtbar war die Orientierung am bürgerlichen Gleichheitsprinzip zuletzt wieder bei der Initiative Queer Nations, die sich mit einem Text von Till Randolf Amelung kritisch mit der Forderung nach einer Erweiterung des Artikels 3 des Grundgesetzes um „sexuelle Identität“ auseinandersetzt. Amelung argumentiert unter anderem, queere Personen verfügten bereits über ausreichende Schutzrechte und eine entsprechende Verfassungsänderung würde Islamisten mitnichten von ihren Taten abhalten. Zugleich kritisiert er, dass sich dadurch selbst Pädophile auf eine vermeintlich schützenswerte Identität berufen können.
Que(e)r zu den „Lagern“
Indes soll diese Gegenüberstellung nicht dichotom klingen – es gibt auch Stimmen, die Queeraktivismus, Islamismuskritik und Israelsolidarität miteinander vereinen können. Ein hpd-Interview porträtierte kürzlich Tugay Saraç, homosexueller Muslim und Queerbeauftragter der Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Sowohl Saraç als auch Seyran Ateş, Juristin, Imamin und Gründerin der Moschee, verstehen sich ausdrücklich nicht nur als solidarisch mit der queeren Szene Berlins, sondern als Teil von ihr. Ateş betont in einer Dokumentation mit den Machern des Based-Podcasts, dass neben der Regenbogenfahne – zur Inklusion jeder sexuellen und geschlechtlichen Identität – auch die Progressive Pride Flag zum Pride Month in der Moschee hängt.
Ähnlich verhält es sich mit der trans*Frau und Queerfeministin Michaela Dudley, die – trotz alledem – in ihren Beiträgen beim Nahost-Thinktank Mena-Watch aus einer queeraktivistischen Perspektive heraus immer wieder auf die Bedeutung des einzigen Schutzortes für LGBTQ-Menschen im Nahen Osten, nämlich Israel, hinweist und vor einer Relativierung des Islamismus seitens der Queercommunity warnt.
Der Hass macht keine Unterschiede
Abschließend zwei Tatsachen: Das islam(ismus)kritische, israelfreundliche Bündnis auf dem Berliner CSD benötigte eigenen Polizeischutz, während vom Kontrastprogramm, dem Internationalist Queer Pride, eine derart aggressive Stimmung ausging, dass andere von der Polizei vor diesem Marsch geschützt werden mussten.
Islamistischen LGBTQ-Feinden ist es letztlich egal, ob die Objekte ihres Hasses konservative Schwule oder nonbinäre Queeraktivisten sind: Beide werden verabscheut. Der islamistische Anschlag traf Teilnehmer des unter Radikalinskis verrufenen, sogenannten „kommerziellen“ Berliner CSD. Dieser wurde vom Internationalist Queer Pride 2024 wegen seiner „westlichen Rahmenbedingungen“ abgelehnt und für den „Völkermord“ in Gaza mit verantwortlich gemacht.
2025 segelten Queer-Aktivisten auf der Pro-Hamas-Flotte gen Gazastreifen mit, bis die Fahrt auf dem Deck schließlich im Konflikt mit radikalen Muslimen eskalierte. Die LGBTQ-Aktivisten würden die Sache der Palästinenser und Muslime entweihen, hieß es. Eine Liebe, die offenbar nicht auf Gegenliebe stößt.
1 zt. n.: Clara Schilling: Verkehrte Psychoanalyse. Projektive Verschiebung patriarchaler Gewalt im Antisemitismus am Fall Samar. In: Chantalle El Helou/Deborah Eller (Hg.): Das Subjekt Frau: Geschlechterverhältnis und sexuelle Differenz. Berlin 2025, S. 303-327.
2 Kunstreich, Tjark. Dialektik der Abweichung: über das Unbehagen in der homosexuellen Emanzipation. Deutschland, KVV Konkret, 2015.
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