Antisemitismus an Hochschulen: Studieren unter Angst

Die Feindschaft gegenüber Juden hat an Universitäten stark zugenommen. Neue Erfahrungsberichte zeigen, dass es sich um ein systematisches Problem handelt. Normales Studieren und Lehren ist für die Betroffenen unter den gegebenen Umständen kaum vorstellbar.

Hörsaal an einer Universität

Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat sich das Klima für Juden in Deutschland stark geändert. Dass ausgerechnet akademische Milieus zu einem Hotspot für Antisemitismus geworden sind, zeigt sich unter anderem in neuen Interviews, die Welt am Sonntag mit jüdischen Studenten an der Universität Hamburg geführt hat, Norddeutschlands größter Hochschule. Darin wird von antisemitischen Schmierereien berichtet – durchgestrichene Davidsterne, Symbole extremistischer Gruppen und Parolen, die das Existenzrecht Israels infrage stellen. Überall auf dem Campus ließe sich das finden: „Man geht auf die Toilette, und da steht an den Fliesen auf Deutsch übersetzt ‚Tod den israelischen Streitkräften‘, zudem mit Herzen verzierte Hamas-Kritzeleien.“

In von Studenten selbstverwalteten Räumen seien Sticker mit Aufrufen wie „Zios zu jagen“, Plakate, die demokratische Politiker als „internationale Terroristen“ darstellen und Graffiti, die Gewalt gegen Israel verherrlichen, aufgetaucht. In einem Studentencafé habe monatelang eine abgeänderte Version des jüdischen Gebets „Sh'ma Israel“ – „Höre Israel“ gehangen, die Zeilen wie „Früher waren wir die Verfolgten, nun sind wir zu den Mördern geworden“ enthielt. Auf das Entfernen von antisemitischen Plakaten werde mit Gewaltandrohungen reagiert. Manche jüdischen Mitarbeiter und Studenten würden angeschrien, verfolgt und im Internet als Ziele markiert.

Es sind mehr als Einzelfälle. Von einem „Klima der Angst“ ist die Rede, wodurch auch die Wissenschaftsfreiheit gefährdet sei. Jüdische Studenten fühlen sich von der Universitätsleitung und den politisch Verantwortlichen im Stich gelassen. Auch der AStA sei Teil des Problems. „Antisemitische und extremistische Gruppen wie BDS Hamburg, Students for Palestine, Thawra und Young Struggle“ würden sich in dessen Räumlichkeiten treffen, um sich zu organisieren sowie antisemitisches Propagandamaterial herzustellen und zu lagern. Im AStA gingen Anhänger gewaltbereiter und autoritär missionierender Gruppen ein und aus, resümiert eine Studentin.

Hilferuf jüdischer Hochschullehrender

In dem neu erschienen „Sammelband Ausnahmezustand“ schildern 61 Mitglieder des Ende 2023 gegründeten Netzwerk jüdischer Hochschullehrender (der hpd berichtete), „die durch ihre jüdische Zugehörigkeit oder durch ihre fachliche Beschäftigung mit den Themen Judentum oder Antisemitismus geprägt sind […], ihre persönlichen Erfahrungen, Beobachtungen und Einschätzungen seit dem 7. Oktober 2023.“ Einem Tag, der gezeigt habe, „dass es seit dem Holocaust kaum eine jüdische Normalität geben kann“. Ein Viertel dieser Stimmen äußert sich lediglich unter Pseudonym – ein deutliches Zeichen für die Brisanz des Themas.

Das Buch sei ein Hilferuf und zeige gleichzeitig eine Realität, die Juden schon lange erlebten, die aber vielen anderen Menschen nicht bewusst sei. Die Autoren sprechen davon, „wie die Israelsolidarität an deutschen Hochschulen in kurzer Zeit massiv zerfällt und sicher geglaubte kulturelle und politische Standards erodieren.“ Juden fühlten sich ausgestoßen, ausgegrenzt, bedroht und damit gar an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert.

Die Universitäten seien geprägt von Kufiyas, Boykottaufrufen, gestörten Veranstaltungen und Protestcamps. Fachbereiche würden unter anderem Veranstaltungen in Erinnerung an den Holocaust zeitlich reduzieren oder ganz absagen sowie jüdische und israelische Gäste ausladen. Es werde versucht durch eine fadenscheinige Trennlinie zwischen Antisemitismus und Antizionismus „dem Hass auf das jüdische Volk eine respektable und akademisch geadelte Form zu geben.“ Die Herausgeber fordern mehr echten Schutz durch die Hochschulen und weniger plakative Worthülsen.

Studie spricht von strukturellem Antisemitismus

Diese Erfahrungen von Juden an Universitäten sind nicht auf den deutschsprachigen Raum begrenzt. Eine aktuelle Studie des Projekts „Campus Antisemitism and Student Experiences“ (CASE) spricht in Kanada ebenfalls von einem mittlerweile strukturellen Problem. Befragt wurden 900 jüdische Studenten im ganzen Land. Demnach gaben fast 96 Prozent an, innerhalb der letzten zwölf Monate einen antisemitischen Vorfall selbst erlebt oder beobachtet zu haben. 84 Prozent halten Antisemitismus für ein ernstes Problem an ihrer Hochschule. Mehr als zwei Drittel sehen in ihrem Campus keinen ungefährlichen und inklusiven Ort für jüdische Studenten. Auch das Verhalten der Betroffenen passt sich an. Mehr als die Hälfte vermeidet das Tragen oder Zeigen von jüdischen Symbolen wegen Sicherheitsbedenken, während 72 Prozent sich nicht trauen im Unterricht uneingeschränkt ehrlich bezüglich ihrer jüdischen Identität zu sein.

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Luca La Mendola

Der Autor hat einen Bachelor in Politikwissenschaft und Religionswissenschaft von der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Aktuell studiert er Journalismus im Master in Mainz. Nachdem er bereits im Rahmen von Praktika journalistisch für das ZDF und die FAZ tätig war, absolviert er derzeit eines beim hpd.

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