Kommentar
Hagia Sophia: Ein Weltkulturerbe im Religionskrieg
Die Hagia Sophia ist nicht nur ein byzantinischer Prachtbau, sondern auch ein Symbol für religiöse Machtkämpfe. Jetzt wurden zwei russische Touristen verhaftet, weil sie laut aus der Bibel vorgelesen haben sollen. „Anstiftung zu Hass und Feindseligkeit“ lautet der Vorwurf.
Foto: Jeison Higuita via Unsplash Unsplash License
Wer in einem muslimischen Gotteshaus aus der Bibel vorliest, sucht die Konfrontation. Die festgenommenen Touristen provozierten, und der missionarische Gestus war kaum zu übersehen. Solche symbolischen Aktionen mögen von der Religionsfreiheit gedeckt sein. Sie tragen jedoch kaum zu einem respektvollen Miteinander bei. Umgekehrt wäre es auch nicht angebracht, wenn eine Person im Petersdom laut aus dem Koran rezitieren würde. Religionsfreiheit bedeutet nicht, jede religiöse Stätte zur Bühne für symbolische Gegenaktionen zu machen.
Ebenso wenig rechtfertigt eine solche bewusste Provokation jedoch eine Festnahme oder strafrechtliche Verfolgung. Ein säkularer Rechtsstaat muss auch mit solchen Handlungen gelassen umgehen, solange nicht Gewalt und Nötigung vorliegen. Die harte Reaktion der türkischen Behörden zeigt, dass es längst nicht mehr nur um die Wahrung der eigenen religiösen Ordnung geht. Es geht um die Demonstration staatlicher Autorität und um die Botschaft, wer in der Hagia Sophia die Deutungshoheit besitzt.
Kirche, Moschee, Museum
Die Hagia Sophia mit ihrer monumentalen Kuppel zählt zweifellos zu den beeindruckendsten Bauwerken der Welt. Das einzigartige Kulturdenkmal steht wie kaum ein anderes für die Blüte der frühbyzantinischen Architektur und die Größe des Oströmischen Reiches. Nach der Eroberung Konstantinopels (1453) durch die Osmanen wurde die Kirche in eine Moschee verwandelt. Im November 1934 erfolgte auf Anregung von Kemal Atatürk, dem ersten Präsidenten der Türkei, die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum, wobei auch die frühere christliche Nutzung wieder sichtbar gemacht wurde. Die Umwandlung in ein Museum galt international als Ausdruck eines säkularen Staatsverständnisses und als Versuch, das Bauwerk als gemeinsames kulturelles Erbe zugänglich zu machen.
Ein Weltkulturerbe als Machtinstrument
Die Hagia Sophia ist aber gleichzeitig der Ort und das Symbol für einen religionskulturellen Richtungsstreit. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat das byzantinische Meisterwerk 2020 zur Moschee erklärt und damit einen unmissverständlichen politischen Akt vollzogen: Die Rückwandlung der ehemaligen Kirche, die als Museum allen Religionen offenstand, war kein Akt der Frömmigkeit, sondern ein kalkulierter Griff nach historischer Symbolik. Der Sultan als Beschützer des Islam, die Türkei als Erbin des Osmanischen Reiches – das war Erdoğans Botschaft.
Wer heute in der Hagia Sophia demonstrativ aus der Bibel vorliest, beantwortet eine politische Provokation mit einer religiösen Gegenprovokation. Beide Seiten kämpfen mit denselben Mitteln: mit dem Anspruch, dass ein Stein, eine Kuppel, ein Raum ihrer Geschichte, ihrem Gott, ihrer Nation gehört. Wo der Staat eine Religion privilegiert, gerät zwangsläufig auch die Freiheit der Konfessionsfreien unter Druck. Aus säkularer Sicht ist das ein Streit, bei dem man keiner Seite Recht geben kann. Und der einzige, der dabei wirklich gewinnt, ist Staatspräsident Erdoğan, der als Despot die Türkei beherrscht und führende Oppositionspolitiker und Journalisten zu hohen Haftstrafen verurteilen lässt.
Als UNESCO-Weltkulturerbe gehört die Hagia Sophia seit 1985 der gesamten Menschheit. Ihr größter Feind sind heute weder Christen noch Muslime, sondern Politiker und Eiferer, die in ihr vor allem ein Symbol für Macht und Besitz sehen. Gerade deshalb braucht dieses Bauwerk weniger religiöse Engstirnigkeit und mehr säkulare Gelassenheit.