Religionsmonitor 2026

Religiöser Glaube: Zwischen sozialem Kitt und Gruppendenken

Der „Religionsmonitor 2026“ der Bertelsmann Stiftung untersucht erstmals den Einfluss von Religion auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Dabei zeigt sich bei stark religiösen Menschen ein zwiespältiges Bild.

Symbolbild
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Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Religionszugehörigkeit und persönliche Religiosität – diese Punkte betrachtet der jetzt veröffentlichte „Religionsmonitor 2026“. Nach einem Rückgang zwischen 2020 und 2023 hat sich der Zusammenhalt in der Bevölkerung wieder teilweise erholt, so die Studie. Während soziale Beziehungen und die Orientierung am Gemeinwohl wieder höhere Werte erreichen, ist das Vertrauen in politische Institutionen nur gering. Insbesondere gegenüber der Bundesregierung herrscht eine „anhaltende Vertrauenskrise“. Auch das Empfinden von Gerechtigkeit bei der Verteilung von wirtschaftlichen Gewinnen ist weiterhin niedrig.

In dieser Gemengelage spielt Religion eine ambivalente Rolle. Sie könne soziale Beziehungen festigen, Hilfsbereitschaft fördern und Menschen zum Engagement motivieren, sagt die Leiterin der Studie, Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann Stiftung. „Entscheidend ist dabei offenbar weniger die bloße Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft als die gelebte religiöse Praxis und die soziale Einbindung“, so El-Menouar weiter. Andererseits weist die Studie auch auf die Gefahr einer Instrumentalisierung von Religion durch gesellschaftliche oder politische Akteure hin.

Die Erhebung beruht auf der Selbsteinschätzung der Teilnehmer. Die Befragten – 5.231 Personen zwischen 18 und 94 Jahren – schätzten zunächst den Grad des eigenen religiösen Glaubens ein: von wenig oder gar nicht religiös über mittelreligiös bis zu hochreligiös.

Religion und Zusammenhalt im Gesamtbild

Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird in einem Gesamtindex von 0 bis 100 Punkten angegeben. Dieser Index setzt sich aus drei Bereichen zusammen. Unter den sozialen Beziehungen sind soziale Netze, das Vertrauen in Mitmenschen und die Akzeptanz von Diversität zusammengefasst. Die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen bemisst sich anhand von Identifikation, Vertrauen in Institutionen und dem Empfinden sozialer Gerechtigkeit. Die Gemeinwohlorientierung bewertet schließlich Solidarität, Hilfsbereitschaft, gesellschaftliche Teilhabe und die Anerkennung von Regeln. Je höher der Gesamtwert, desto stärker der Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Im Gesamtdurchschnitt aller Befragten zeigte sich bei den mittelreligiösen Teilnehmern mit 53 Punkten der höchste Wert. Die Gruppe der wenig oder gar nicht religiösen Personen kam auf 49 Punkte und die hochreligiösen Teilnehmer erreichten 52 Punkte.

Christen: Mehr Glaube, mehr Zusammenhalt

Auch die Betrachtung der einzelnen Religionsgemeinschaften vermittelt ein differenziertes Bild. So zeigen sich bei katholischen und evangelischen Befragten mit zunehmender Religiosität auch steigende Gesamtwerte. Bei wenig oder gar nicht religiösen Angehörigen beider Konfessionen betragen sie 46 Punkte (Katholiken) beziehungsweise 50 Punkte (Evangelische). Mittelreligiöse kommen durchschnittlich auf 56 (Katholiken) und 55 Punkte (Evangelische), Hochreligiöse auf 56 (Katholiken) bis 61 (Evangelische) Punkte.

Muslime: Starke Bindung nach innen

Bei Muslimen hingegen ist stärkere Religiosität nur in den Bereichen soziale Beziehungen und Orientierung am Gemeinwohl mit höheren Werten verbunden. Der Gesamtindex liegt bei wenig oder gar nicht religiösen Muslimen bei 47 Punkten, steigt bei mittelreligiösen auf 49 Punkte und fällt bei hochreligiösen auf 45 Punkte ab. Dieser Rückgang geht vor allem auf die geringen Werte bei der Verbindung mit dem Gemeinwesen zurück. Während dieser Teilbereich bei wenig oder gar nicht religiösen Muslimen noch 46 Punkte erreicht, sinkt er bei mittelreligiösen auf 42 Punkte und fällt bei hochreligiösen auf nur noch 28 Punkte. Viele Muslime sind demnach der eigenen Gemeinschaft eng verbunden, während sie der Gesamtgesellschaft distanziert gegenüberstehen. Als eine mögliche Ursache diskutiert die Studie eine geringere Anerkennung von Muslimen durch die Mehrheitsgesellschaft. Weitere Untersuchungen sind hier wünschenswert.

Dies gilt auch für ein zweites bedeutendes Ergebnis der Studie, die Korrelation von ausgeprägtem religiösem Glauben mit geringeren Werten für das gesamtgesellschaftliche Gemeinwesen. Aussichtsreich erscheint hier beispielsweise ein Vergleich von Gruppendenken und universalistischer Weltanschauung. So ergab eine kürzlich veröffentlichte Studie über die Einstellung zum Klimaschutz, dass Anhänger einer universalistischen, für alle Menschen gleichermaßen gültigen Ethik eher bereit sind, persönliche Einschnitte zugunsten des Gemeinwohls hinzunehmen.

Offene Fragen

Konkretes Engagement ist zudem abhängig von Gemeinschaftsstrukturen vor Ort, wie auch die Studienleiterin El-Menouar betont. Angesichts schrumpfender Kirchengemeinden und eines wachsenden Anteils von Atheisten, Agnostikern und Konfessionsfreien wäre demnach eine verstärkte öffentliche Förderung von gesellschaftlichen Freiräumen für säkulare Projekte eine sinnvolle Investition.

Der „Religionsmonitor 2026“ ist eine repräsentative Erhebung, die im März vom infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt wurde. Die Befragung fand nach dem Auftakt im Jahr 2007 nunmehr zum fünften Mal statt.

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Inge Hüsgen

Die Autorin ist die Chefredakteurin des "Skeptiker", der Vierteljahreszeitschrift der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie Redakteurin beim Humanistischen Pressedienst.

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