Der Fall Halle

Wie evangelikale Schulen in die Bildungslandschaft drängen

Die Bibel, traditionelle Geschlechterrollen, ein bisschen Schöpfungslehre und mitunter kommen die Lehrkräfte zu Besuch im Elternhaus – mit diesem Konzept werben die evangelikalen „Georg-Müller-Schulen“ (GMS) bei den Eltern von Kindern und Jugendlichen. Den Schülern in der westfälischen Stadt Halle bleiben derartige Lehrinhalte vorerst erspart: Vergangene Woche stimmte der Stadtrat mit knapper Mehrheit gegen den Prüfungsantrag zur Errichtung einer Werkrealschule der GMS. Dies geschah nicht etwa aus der Überzeugung, dass Schulen weltanschaulich neutral sein sollten, sondern weil es bereits genug weiterführende Schulen im Ort gebe. Der Vorstoß des evangelikalen Trägervereins wirft gleichwohl ein bezeichnendes Licht auf religiös-ideologische Akteure in der deutschen Schullandschaft. 

Evolution vs. Bibel

Der Trägerverein der Evangelischen Bekenntnisschulen Bielefeld betreibt bereits ein Gymnasium, eine Gesamtschule und drei Grundschulen in Halle und Bielefeld. Laut Selbstbeschreibung sind alle Vereinsmitglieder „bekehrte, wiedergeborene Christen“. Also Menschen, die im Erwachsenenalter einer evangelikalen Gemeinde beigetreten sind. 

Innerhalb von wenigen Tagen hatten Unterstützer rund 1.800 Unterschriften für die evangelikale Schule gesammelt, schreibt das Westfalen-Blatt – bemerkenswert für ein Städtchen mit nur gut 20.000 Einwohnern. Die Stadt solle prüfen, ob auf einem früheren Werksgelände anstelle des geplanten Wohnquartiers eine Realschule des evangelikalen Vereins entstehen kann. Die Ratsleute sagten Nein – in einer denkbar knappen, geheimen Abstimmung mit 19 zu 21 Stimmen.

Braucht die Stadt überhaupt noch eine Schule? Die Direktoren der bestehenden Einrichtungen, Matthias Geukes (Gesamtschule) und Markus Spindler (Kreisgymnasium Halle) verneinen dies. Sie gehen vielmehr davon aus, dass eine neue weiterführende Schule am Standort die bereits bestehenden Schulen gefährden würde. Dennoch betrachtet der Haller Bürgermeister Thomas Tappe (CDU) die evangelikale Schule als „Bereicherung der Schullandschaft“ – ohne indes entsprechende Zahlen vorzulegen, wie der SPD-Vertreter Jörg Witteborg kritisierte. Auch andere Oppositionsfraktionen im Rat, die Grünen und die Unabhängige Wählergemeinschaft, schlossen sich der Kritik an.

Christlich geprägte Biologie und Sexualkunde

Aber was steckt überhaupt hinter der Institution, die so vehement in die Schullandschaft drängt und in kürzester Zeit so viele Unterschriften mobilisiert? Es sind „christliche, an die Bibel gebundene Schulen“, heißt es auf ihrer Website. Zwar stünden sie grundsätzlich allen Kindern und Jugendlichen offen, unabhängig von Konfession und religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugungen der Eltern. Allerdings legt der Träger Wert auf die persönliche Beziehung zwischen Elternhaus und Schule – Hausbesuche der Lehrkräfte gehören ebenso dazu wie die Mitarbeit der Eltern an der Schule. In ganz Deutschland wächst die Zahl der Konfessionsfreien. Ob säkulare und konfessionsfreie Eltern in diesem Szenario wohl eine weltanschaulich wertschätzende Kommunikation mit den Lehrkräften ihrer Kinder erwarten können?

Was im Bereich Sexualkunde in den GMS auf junge Menschen zukommt, darüber lässt die Imagebroschüre keinen Zweifel: Die lebenslange Ehe zwischen Mann und Frau erklärt man zum „gottgewollte(n) exklusive(n) Rahmen für die sexuelle Vereinigung zweier Menschen“; für Menschen mit mit anderen Lebensentwürfen hält das Dogma wohl nur Buße und die schale Hoffnung auf Bekehrung bereit – wie auch für Geschiedene und ungewollt Schwangere, denn Abtreibung wird ebenfalls strikt abgelehnt. 

Auch im Biologieunterricht schlägt sich die evangelikale Ausrichtung der GMS nieder. Zwar kommt man nicht gänzlich um die Evolutionstheorie herum – aufgrund ihrer „dominierenden Bedeutung im derzeitigen allgemeinen Denken“, wie die Schulen fast bedauernd schreiben. Aber: „Von der Bibel her soll ihr unter Rückgriff auf Forschungsergebnisse kreationistischer Naturwissenschaftler die Schöpfungslehre gegenübergestellt werden.“ Kreationismus, also der Glaube an einen Schöpfergott, als Korrektiv im Naturwissenschaftsunterricht? Da kippt das Fach schneller ins Religiöse, als man „false balance“ sagen kann.

In Halle sind die Pläne für die evangelikale Realschule erst einmal vom Tisch. Trotzdem bleiben die GMS weiter auf Expansionskurs. Wie ihr Geschäftsführer Michael Pieper ankündigte, sucht der Förderverein künftig auch an anderen Orten nach passenden Grundstücken. 

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Inge Hüsgen

Die Autorin ist die Chefredakteurin des "Skeptiker", der Vierteljahreszeitschrift der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie Redakteurin beim Humanistischen Pressedienst.

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