Kommentar
Mit Jürgen Klopp betend zum nächsten WM-Titel?
Julian Nagelsmann ist Geschichte, Jürgen Klopp soll die deutsche Nationalmannschaft übernehmen. Sportlich wäre das eine spannende Personalie. Doch die Fußball-WM hat auch gezeigt, wie selbstverständlich religiöse Inszenierungen inzwischen zum Profifußball gehören – und Klopp zählt zu ihren prominenten Verteidigern.
Foto: Alexander Migl via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0
Die gestern am späten Abend mit dem Sieg von Spanien zu Ende gegangene Fußballweltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko war nicht nur eine Aneinanderreihung sportlicher Höchstleistungen, sondern auch eine kaum enden wollende Inszenierung religiöser Gesten: Angefangen mit Felix Nmechas Gebetskreis über jordanische Spieler, die sich nach einem Tor gegen Österreich gegen Mekka verneigten bis hin zu Spaniens Superstar Lamine Yamal, der nach einem Treffer gegen Saudi-Arabien den Sudschud vollzog – eine rituelle Niederwerfung im islamischen Gebet, bei der die Stirn den Boden berührt.
Neu ist dieses Phänomen nicht. Seit Jahrzehnten bekreuzigen sich lateinamerikanische oder südeuropäische Fußballer nach Toren oder blicken vor Spielbeginn ehrfürchtig in den Himmel. Doch bei dieser Weltmeisterschaft schien kaum ein Spiel ohne öffentliche Glaubensbekundungen auszukommen. Ägyptens Torhüter betete während eines Elfmeterschießens, die marokkanische Nationalmanschaft nach dem gewonnen Elfmeterschießen gegen die Niederlande, deren halbe Mannschaft, angeführt von Stürmer Cody Gakpo, zuvor in der Kabine an einer Gebetsrunde teilgenommen hatte.
Glaube als Show?
Zwar wurden diese religiösen Gesten in den Medien vereinzelt kritisiert, doch fanden sie auch prominente Fürsprecher im deutschen Fernsehen, als beispielsweise ein Kommentator Felix Nmecha engagiert verteidigte: „In der Zeit, in der die Religion relativ häufig dazu führt, dass es – gelinde gemeint – zu Missverständnissen, zu Kriegen kommt, ist es wunderschön, dass sich Menschen zusammen hinstellen und öffentlich zeigen, dass sie an Gott glauben.“
Der Name dieses TV-Fußballexperten? Jürgen Klopp. Klopp ist bekennender evangelischer Christ. Schon mehrfach hat er sich in der Vergangenheit zu seinem Glauben geäußert und ihn als „Fixstern, der immer da ist“ bezeichnet. Für Klopp „sind Gott und Jesus real“ und sein Glaube eine unverrückbare „Grundfeste“, daher findet er es „schade“, wenn anderen Menschen das Gefühl der Geborgenheit fehle, das ihm sein Glaube gebe. Gemeinsam mit seiner Frau Ulla beendet er nach eigenen Angaben jeden Tag mit einem Dankgebet. Bekannt wurde auch seine Botschaft an einen todkranken Liverpool-Fan: „Ich bin Christ – wir sehen uns!“
An Klopps persönlichem Glauben ist nichts auszusetzen. Jeder Mensch hat das Recht, religiös zu sein oder nicht. Problematisch wird es jedoch, wenn religiöse Bekenntnisse den Sport zunehmend prägen und auf dem Spielfeld zur öffentlichen Inszenierung werden. Sollte Jürgen Klopp tatsächlich Bundestrainer werden, wird man ihn in erster Linie an seiner sportlichen Arbeit messen. Seine religiösen Überzeugungen sind Privatsache. Umso wünschenswerter wäre es, wenn auch unter seiner Führung der Fußball wieder stärker durch Tore, Taktik und Teamgeist Schlagzeilen machen würde; Gebetskreise, Glaubensbekenntnisse und religiöse Symbolik sollten auf dem Rasen tabu sein.
Kommentare (6)
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Gegen religiöse Symbole und…
Gegen religiöse Symbole und Gesten im Fußball ist nicht wirklich etwas einzuwenden. Sie sind meist authentisch vorgetragen, mit Emotionen verbunden und machen den Sport persönlicher.
Ich finde es gut, dass…
Ich finde es gut, dass darüber nochmal gesprochen wird, und besonders, dass auch hier im hpd versucht wird, eine respektvolle Kritik zu formulieren, eine, die nicht stumpf darauf basiert, öffentliche religiöse Bekenntnisse zu diffamieren.
Aber das "Geschmäckle", das hier besprochen wird, ist natürlich kein Hirngespinst! Die Realität hat sich doch deutlich verschoben, dass die USA dieses Jahr Gastgeber waren, mag noch zusätzlich dazu beigetragen haben.
Meiner Ansicht nach ist, wie schon der Autor sagt, natürlich nichts Grundsätzliches gegen die zur Schau getragenen Bekenntnisse an sich einzuwenden.
Was schöner sein könnte, wäre eine Bescheidenheit, wie ich sie mir selbst für mich auch wünsche, in all meinen Ansichten.
Den Blick eines Sportlers gen Himmel vor einem Elfmeter, ein Falten der Hände, eine Hand am Herz, ein Verneigen mit Blick in den Himmel zum Dank an den persönlichen Gott; und was es nicht alles an Gesten gibt: alle diese Bekenntnisse finde ich OK.
Aber was ja hier die Debatte auslöst, ist doch eine wahrgenommene Verschiebung der Skala in Richtung offensiverer, längerer, demonstrativerer Darstellung. Speziell auch einfach ein stärkerer Missionierungswille, jedenfalls wirkt das so auf mich. Daneben natürlich die oft konversativere Religiösität, die hier vertreten wird, im Vergleich zur säkularen Vorstellung eines "guten, persönlichen" Glaubens.
Das könnte hier finde ich noch stärker heraus gearbeitet werden.
Aber der Artikel gefällt mir auch so, wie er ist.
Eine pedantische Ausnahme, da es sich ja um eine hochkarätige Publikation handelt:
Da ist ein Leerzeichen vor einem Komma :)
> Umso wünschenswerter wäre es ,
Der Autor schreibt selbst …
Der Autor schreibt selbst "An Klopps persönlichem Glauben ist nichts auszusetzen. Jeder Mensch hat das Recht, religiös zu sein oder nicht." und "Seit Jahrzehnten bekreuzigen sich Fußballer nach Toren oder blicken vor Spielbeginn ehrfürchtig in den Himmel."
Also was genau soll jetzt das Problem sein, wenn einige deutsche Spieler ihren jeweiligen Glauben im Fußballstadion ausleben?
Und wo genau liegt das Problem, wenn der Trainer bekennender Christ ist?
Auf dem Platz, genauso wie auf den Zuschauerrängen, ist es komplett egal, ob ein Spieler gläubig ist. Es ist ebenfalls ohne Belang, was welcher Spieler über Menschenrechte, Homoehe, die Politik, das Steuersystem, etc. denkt. Diese Person findet Beachtung, weil sie gut Fußball spielt. Nicht mehr und nicht weniger!
Keine Ahnung, aus welchem Grund dieser Artikel unterschwellig die Gesinnung Einzelner so deutlich hervorhebt und ein Pseudoproblem herbeischreiben möchte.
Ich glaube nicht, dass es…
Ich glaube nicht, dass es beim Fußball „nur“ um Fußball geht, viemehr ist er stark aufgeladen mit nationalen Gefühlen, Haltungsnoten, Sehnsucht nach persönlichen Vorbildern und eben offenbar Glauben und Aberglauben, bis hin zum Kraken-Orakel. Zidanes Kopfstoß war für eine ganze Generation von Vorstadt-Jungs ein Thema, weil es eben um eine Geschichte ging, darum wie man mit einer Kränkung umgeht, mit Stress, wie man etwas gut zuende bringt …
Mich triggert es immer, wenn Leute glauben, über ihre Zeichen besonders enge Verbindung zu Gott aufzubauen, damit er speziell ihnen wohlgesonnen sei. „Gott mit UNS (denn wir sind die Guten)“, das geht mir gegen den Verstand, so wie mir Horoskope und nicht-medizinische Beschneidungen auf den Keks gehen oder allzu dreiste und gefährliche Grätschen. Aber ich bin eben auch nur ein Zuschauer von vielen bei diesem Spektakel.
@ Peter Jaglo Bei einer…
@ Peter Jaglo
Bei einer internationalen Meisterschaft repräsentiert man sein Land, und in einem solchen Zusammenhang hält man sich mit persönlichen Interessensbekundungen zurück.
Alles andere ist geschmacklos, respektlos und übergriffig.
Bei Zuschauern ist das was anderes. Sie repräsentieren nur sich selbst und können so geschmacklos sein, wie es ihnen beliebt. Und davon macht manch einer ja auch reichlich Gebrauch.
Jeder kann im privaten Rahmen herumposaunen, was er will. Sogar das Bekenntnis zu einer frauenverachtenden Weltanschauung ist von unserem Grundgesetz geschützt - toll!
Das Spielfeld bei einer Weltmeisterschaft ist aber kein privater Rahmen.
Es gehört sich nicht, seine Nominierung für Sektenwerbung zu missbrauchen.
("Und wo genau liegt das Problem, wenn der Trainer bekennender Christ ist?")
Was glauben Sie, warum in diesem Land kaum eine öffentliche Person bekennender Atheist ist?
Was da los wäre, würde ein Bundestrainer mit seinem Atheismus hausieren gehen? Das traut sich kaum einer. Wegen der "Toleranz" der Christen und Moslems, in deren "Genuss" man als älterer Atheist zuweilen schon gekommen ist.
Sie haben recht: Die…
Sie haben recht: Die Nationalspieler repräsentieren ihr jeweiliges Land. Wie weit Neutralität hier sinnvoll und angebracht ist, dazu kann und sollte sich jeder sein eigenes Urteil bilden.
Laut den FIFA-Statuten soll politische und religiöse Neutralität gewahrt bleiben. Dies gilt für den Verband, aber nicht ausdrücklich für Spieler.
Siehe hierzu: https://inside.fifa.com/de/legal/documents?filterId=1Ik5980rsO4CRiqjqrlXUS
Daher würde ich beim FIFA und UEFA Code of Conduct für Spieler und Offizielle ansetzen und jede Art von politischem oder religiösem Statement unter hohe finanzielle Strafe stellen. Dann hören die "Jesus loves u" T-shirts ziemlich schnell auf.
Ihre Aussage "Das Spielfeld bei einer Weltmeisterschaft ist aber kein privater Rahmen." empfinde ich als überaus problematisch. Denn dies bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Fußballnationalspieler wie ein hoher Politiker zu behandeln wäre. Jede Tat und Aussage ist beruflich und NIE privat.
Nur so als Gedankenexperiment: Durfte ein Nationalspieler bei der WM in Katar die desolate Menschenrechtslage ansprechen oder wäre die Neutralität verletzt worden?
Fakt ist:
Die Diskussion um Fußballspieler findet nur deshalb statt, weil Millionen Menschen weltweit diesen Sport lieben und sich dafür interessieren. Ansonsten wäre es der Öffentlichkeit komplett egal, ob ein Nationalspieler Atheist ist oder irgendeine Gottheit anbetet. Bestes Beispiel dafür ist die Olympiasiegerin im Kugelstoßen Yemisi Mabry, geborene Ogunleye.
Fand 2024 überhaupt eine Empörung über ihren Siegesjubel in Paris inkl. Hochhalten einer Bibelstelle in die Kamera statt?
Ihre letzten zwei Fragen finde ich lachhaft!
Wir Atheisten müssen genauso Kritik an unserem Weltbild aushalten können.
Ich vermute, dass atheistische Fußballspieler keinen Mehrwert darin sehen, die Öffentlichkeit über ihren Nichtglauben zu informieren. Es ist wie bei uns, einfach egal und ohne Belang.
Was sie hier stattdessen konstruieren, sind hasserfüllte Gläubige, die säkulare Fußballer … (was genau machen würden?)