Der heilige Sonntag – und die Angst vor offenen Geschäften
Die Bundesregierung will das Arbeitsrecht flexibilisieren und denkt auch über längere Ladensöffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen nach. Kaum war das Vorhaben bekannt, meldeten sich die Kirchen zu Wort. Für sie gehört der Sonntag weiterhin zu den letzten Bastionen christlich geprägter Gesellschaftspolitik.
Foto: DiePhotoPotato via Pexels Pexels License
Die Bundesregierung möchte den Arbeitsmarkt und die Konjunktur deutlich beleben. Aus diesem Grund haben die Koalitionsspitzen in ihrem "Programm für Aufschwung und Beschäftigung" zahlreiche Maßnahmen vereinbart, so beispielsweise eine Erhöhung des steuerlich begünstigten Sonn- und Feiertagszuschlags oder die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. "Wir beginnen die Fesseln zu lösen, die unser System auch den Unternehmen auflegt", verkündete Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz stolz.
Je nach politischer Verortung lassen sich die Maßnahmen begrüßen oder kritisieren. Aber sobald das Thema verlängerte Öffnungszeiten im Raum steht, erfolgt der umgehende Aufschrei der Kirchen, die den Untergang des Abendlandes herannahen sehen. So auch jetzt: Die evangelische Kirche sowie christliche Abgeordnete warnten vor einer Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten und betonten, der "freie Sonntag sei für die Gesellschaft als Ganzes wertvoll, unabhängig davon, ob ein Mensch an Gott glaubt oder nicht“.
Doppelstandards: Warum Shopping tabu sein soll
Während in anderen “christlichen“ Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Spanien am Sonntag sogar Supermärkte geöffnet haben, herrscht in deutschen Fußgängerzonen die sonntägliche Ödnis. FDP-Chef Wolfgang Kubicki bringt es auf den Punkt: ”Eine echte Flexibilisierung wäre dringend notwendig. Wer Läden zwangsweise geschlossen halten will, darf sich nicht über sterbende Innenstädte beschweren.“
In dieselbe Richtung argumentierte am gestrigen Dienstag der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Peter Adrian. Er bezeichnete das geltende Ladenschlussgesetz als “Relikt der Vergangenheit“ und regte sogar eine Änderung des Grundgesetzes an, um dauerhaft verkaufsoffene Sonntage zu ermöglichen. Das Bundesverfassungsgericht hatte sich 2009 noch auf die Weimarer Reichsverfassung berufen, die dem Sonntag eine besondere Bedeutung für die ”seelische Erhebung“ zuschrieb – eine Formulierung, die heute wie ein Echo aus einer anderen Zeit wirkt. Angesichts eines Onlinehandels, der Einkäufe rund um die Uhr ermöglicht, erscheint ein starres Ladenschlussrecht vielen als Anachronismus.
Keine einheitlichen Regelungen wegen Föderalismus
Der Bundestag entscheidet über die Sonntagsarbeitszeiten, die Bundesländer regeln die Ladenöffnungszeiten. Aus diesem Grund gibt es in Deutschland keine einheitlichen Regelungen. Der von der CSU geführte Freistaat Bayern hat besonders strikte Regeln. So darf man beispielsweise in München nach 20 Uhr nicht einmal einen Liter Milch im Supermarkt kaufen (an Tankstellen hingegen schon). Und selbst als die bayerische Regierung 2025 sogenannten Smart Stores, die in der Nacht und sonntags ohne Personal auskommen, den Verkauf erlaubte, protestierte ein Bündnis aus kirchlichen Verbänden und Gewerkschaften. Die Allianz für den freien Sonntag war der Ansicht, dass das Gesetz zu viele Ausnahmen enthalte, die den Sonntagsschutz unterlaufen, und strebte eine Popularklage vor dem Verfassungsgerichtshof des Freistaats an.
Während Restaurants, Cafés, Museen, Kinos, Freizeitparks und Tankstellen selbstverständlich auch sonntags geöffnet sein dürfen, gilt für Buchhandlungen, Bekleidungsgeschäfte oder Supermärkte weiterhin ein nahezu sakrosanktes Verbot − außer, sie befinden sich in einem Bahnhof oder Flughafen. Warum ausgerechnet der Einkauf als Bedrohung für den Sonntag gelten soll, erschließt sich immer weniger. In einer säkularen Gesellschaft sollte nicht die Kirche darüber entscheiden, wie Menschen ihren freien Tag verbringen.
Gerade deshalb wäre Friedrich Merz gefordert, das Thema konsequent anzugehen. Wenn die Bundesregierung tatsächlich "die Fesseln lösen“ und neue Impulse für Wirtschaft und Innenstädte setzen will, sollte sie sich nicht aus Rücksicht auf kirchliche Befindlichkeiten mit halbherzigen Reformen begnügen. Ein modernes Ladenschlussrecht würde niemanden zum Sonntagsverkauf verpflichten, stattdessen würde es Händlern und Kunden die Freiheit geben, selbst zu entscheiden.
Kommentare (17)
Netiquette für Kommentare
Ich kann der Argumentation…
Ich kann der Argumentation des Autors schon folgen. ABER: in den Verkaufseinrichtungen arbeiten Menschen. Für viele von denen ist der Sonntag der einzige Tag, an dem sie etwas mit der Familie unternehmen können.
Wenn ein Partner und Kinder da sind, gibt es nur das Wochenende - also den Sinntag - für gemeinsame Unternehmungen. Denn für Angestellte in Geschäften ist auch der Samstag ein normaler Arbeitstag (was übrigens auch bedeutet, dass es ein Urlaubstag ist! 30 Tage Urlaub sind 26 vergleichbare Tage in anderen Jobs!)
Solange die Bezahlung in der Branche so bescheiden ist und Personal an jeder Ecke gespart wird halte ich diese Idee - ganz gleichgültig, was die Kirchen davon halten - für schwierig,
Zudem steht es im Artikel: "'Wir beginnen die Fesseln zu lösen, die unser System auch den Unternehmen auflegt', verkündete Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz stolz." Ja eben, diese Regelungen dient allein den Arbeitgebern und in keinem Fall den Arbeitnehmern.
(Merke: Wenn Friedrich Merz etwas lobt ist es nicht zum Wohle der Allgemeinheit! Nie.)
Sehr richtig. Ich kann mich…
Sehr richtig.
Ich kann mich noch an einen Spruch der Gewerkschaften erinnern:
Am Sonntag gehört der/die Papi ( Mutti) uns . ( oder so ähnlich)
Es bleibt aber doch bei der…
Es bleibt aber doch bei der 5-Tage-Woche für den Arbeitnehmer. Nur fallen die 2 freien Tage nicht immer auf den Samstag und den Sonntag. Und die 30 Tage Urlaub ergeben 6 Urlaubswochen.
Ich habe samstags, sonntags und feiertags gearbeitet und hatte 30 Tage Urlaub bei einer 5_Tage-Woche.
Ich frage mich schon lange,…
Ich frage mich schon lange, ob nicht sowieso die 7-Tage-Woche biologisch gar nicht gesund für Menschen ist.
Welchen Wochen-Rhythmus…
Welchen Wochen-Rhythmus würden Sie für biologisch gesund erachten? Zur regelmäßigen Erholung und Regeneration benötigt man freie Tage; wie man diese benennt, ist ja egal.
In fast allen Berufen arbeitet man mit Kollegen zusammen, da ist es sinnvoll, wenn die freien Tage möglichst einheitlich sind.
In wievielen Berufen wird in…
In wievielen Berufen wird in mehreren Schichten, auch samstags, sonntags und feiertags gearbeitet. Auch ich gehörte dazu. Die Zusammensetzung der Schichten wechselten nach Schichtplan. Das Tauschen von Schichten war meistens möglich. Aber der Wunsch, auch noch die freien Tage mit den Kollegen zu verbringen, war nicht besonders ausgeprägt.
Zitat: FDP-Chef Wolfgang…
Zitat: FDP-Chef Wolfgang Kubicki ..... "Wer Läden zwangsweise geschlossen halten will, darf sich nicht über sterbende Innenstädte beschweren.“
Die Innenstadt von z.B. Mannheim ist sogar am Sonntag belebter als das benachbarte Ludwigshafen am Werktag. Das hängt doch nicht unwesentlich am "Wohlfühlfaktor".
Wer Kubicki zitiert, ist mir…
Wer Kubicki zitiert, ist mir nicht geheuer!
Die sog. Sonntagsarbeitzeit…
Die sog. Sonntagsarbeitzeit ist ein Relikt aus Zeiten, in den Religionsgemeinschaften ein große Macht über das Verhalten der Menschen an sog. "heiligen Tagen" hatten. Es sei getrommelt und gepfiffen, dass diese "Macht" verschwindet. Je schneller um so besser!
Es stört sich aber niemand…
Es stört sich aber niemand daran, dass Pfarrer am Sonntag arbeiten ;)
Wie auch Angestellte in der Gastronomie, im Verkehr und im Tourismus. Sollten doch alle zu Hause bleiben und selber kochen... die ganz orthodoxen Juden kriegen das ja auch hin ;)
Angestellte schützt man nicht mit Arbeitsverboten, sondern mit Mindestlöhnen, Arbeitszeitbegrenzungen und Lohnzuschlägen für Sonn- und Feiertage.
Übrigens hat in Ungarn die Orbán-Regierung auf Betreiben ihrer christdemokratischen Koalitionspartnerin 2015 ein Sonntagsöffnungsverbot eingeführt (Familienbetriebe waren davon ausgenommen: Angehörige durften sonntags im Laden stehen, Angestellte nicht). Es wurde nach einem Jahr aufgehoben.
Pfarrer "arbeiten" nur am…
Pfarrer "arbeiten" nur am Sonntag, ansonsten schwätzen diese nur ihre selbsterfundenen Lügen
ständig wie eine Drehleier nach um der arbeitenden Bevölkerung das sauer verdiente Geld aus den Taschen zu ziehen.
Daß diese zum reichsten Teil der Bevölkerung Gehöhren ohne wirklich produktiv zu arbeiten ist unglaublich un ich empfinde dies als Hohn und Spott.
Die liberale Marktwirtschaft…
Die liberale Marktwirtschaft von Kubucki und Parteifreunden hat uns weit gebracht, siehe die Deutsche Bahn. Ladenöffnungen am Sonntag mögen ein paar mehr Menschen in Innenstädte locken; den Verfall, den online-Handel und "Grüne Wiese" forcieren, werden sie nicht aufhalten. Sie werden auch keinen höheren Umsatz bewirken. Das haben Ladenöffnungszeiten bis in den späten Abend auch nicht erreicht, trotz gegenteiliger Versprechen.
Damit werden alle Waren teurer, weil die Zusatzkosten der Ladenöffnung ja irgendwo abgerechnet werden müssen. Die Sonntagsöffnung ist also eine Milchmädchenrechnung. Man muss sie nicht erlauben, nur weil die Kirhen dagegen sind.
Also ich am Sonntag mein…
Also ich am Sonntag mein Auto anmelden, am Samstag zum TÜV, ach ja am Sonntagnachmittag auf dem Stadthaus meinen Pass verlängern und und,....
Sollen die Menschen im Handel alles aufgebürdet bekommen. Wer bei den momentanen Öffnungszeiten nicht einkaufen kann, der hat ein Wahrnehmungsproblem.
Also ich bin da anderer…
Also ich bin da anderer Meinung, sowohl der Humanisten als auch der Christen. Als Kind fand ich die Sonntagsruhe lästig, aber kaum erwachsen empfinde ich die Sonntagsruhe als wohltuend, endlich ein Tag, an dem die Gesellschaft mal zusammen innehält und die Ruhe genießen kann. Kein schlechtes Gewissen zu haben, weil man nichts tut, sogar nichts tuen muss, laut 5. Gebot. Das eigentlich jüdische Gebot den Sabbath zu heiligen, was von den Christlichen Kirchen übernommen wurde, bei denen ist es halt der Sonntag, finde ich gut. Es bedeutet, dass jeglicher Eingriff in die Natur an diesem einen Tag in der Woche untersagt ist. Da freut sich doch des Umweltschützers Herz! So bekommt die Woche durch die Besonderheit des Sonntags eine wichtige, schöne Abwechselung. Weil viele Menschen am Sonntag nicht einkaufen können / dürfen und darunter sogar leiden, sollten sie sich mal den Sinn und das Wertesystem ihres eigenen Lebens überdenken.
Hier noch eine Anmerkung:…
Hier noch eine Anmerkung: Die Innestädte sterben nicht wegen des Sonntagsverkaufsverbots, sondern durch den ausufernden online-Handel. Totale Freiheit zum Konsum ist in meinen Augen eine für unsere Gegenwart nur eine perverse Tätigkeit!
Die sonntägliche…
Die sonntägliche Indoktrination geht vor! Der Tag muss arbeitsfrei gehalten werden, damit die Gläubigen zur Indoktrination in der Kirche erscheinen können.
Anderen religiösen Verführern muss das gleiche Recht zum Indoktrinieren ihrer Gläubigen zugestannden werden.
Auch das Recht zur religiösen Selbstindoktrination (regelmäßíges Beten, Bibel- und Koranstunden, Thora-Studium) darf nicht durch den Staat beschnitten werden.
[Sarkasmus aus]
Als der lange Donnerstag…
Als der lange Donnerstag 1989 eingeführt wurde, gab es einen Riesenaufschrei [*]. Als 1996 die Geschäftsöffnungszeiten auf 6.00 h - 20.00 h geändert wurden, kam der nächste Aufreger [*]. Als den Bäckern erlaubt wurde, auch sonntags frische Backwaren zu verkaufen, wurde wieder laut tremoliert [*].
In Tourismusgebieten haben Geschäfte schon seit vielen Jahren auch am Wochenende auf. In grenznahen Gebieten locken die Städte jenseits der Grenze die Käufer damit an, dass bei ihnen das Sonntagsöffnungsverbot nicht gilt.
Die Welt hat sich weitergedreht. All die Argumente, die gegen Verlängerung bzw. Veränderung von Öffnungszeiten gebracht wurden, haben sich am Ende als Scheinargumente erweisen.
Man sieht also, dass noch verbliebene Sonntagsöffnungsverbot ist ein Relikt, das an manchen Stellen löcheriger als ein Schweizer Käse ist. Ich selber habe kein großes Bedürfnis auch am Sonntag einzukaufen. Denn letztendlich kann ich mein Geld nur einmal ausgeben. Aber ich möchte doch den Leuten, den Sonntag für Einkäufe nutzen wollen, diese Entscheidungsfreiheit geben.
[*] von Gewerkschaften und sozialen Verbände mit kräftiger Unterstützung von Kirchen und christlichen Vereinigungen