Zwei neue Schulfächer in Niedersachsen

Ein Fortschritt und ein Verfassungsproblem

Der Zentralrat der Konfessionsfreien begrüßt die Einführung des Pflichtfachs „Werte und Normen” an Niedersachsens Grundschulen. Zugleich übt er Kritik am neuen Fach „Christliche Religion”, das zeitgleich die bisher getrennten Fächer Evangelische und Katholische Religion ersetzt. Zudem warnt der Verband dringend davor, die Debatte um den Religionsunterricht in die politisch rechte Ecke zu rücken.

Klassenzimmer

Der hpd hatte bereits über die Einführung von „Werte und Normen“ als Grundschul-Pflichtfach im neuen Schuljahr berichtet. Neben der Freude über das Ende des „Heidenhütens“ verweist der Vorsitzende des Zentralrats der Konfessionsfreien Philipp Möller aber auch auf auf das verfassungsrechtliche Problem eines weiteren neuen Schulfachs, nämlich „Christliche Religion“: „Die Zusammenlegung des katholischen und evangelischen Religionsunterrichts ist ein Beleg für die sinkende Nachfrage nach konfessionellem Bekenntnisunterricht. Doch die gefundene Lösung steht verfassungsrechtlich auf tönernen Füßen.” Dies hat der Zentralrat bereits in seiner Publikation Konfessionsfrei Kompakt Nr. 4 verdeutlicht: „Diese multikonfessionellen, konfessionell-kooperativen oder christlichen Modelle versprechen zwar eine größere Offenheit, doch stehen sie in einem Spannungsfeld mit dem verfassungsrechtlich geforderten Prinzip der konfessionellen Positivität und Gebundenheit.” Möller ergänzt: „Ein Bekenntnisunterricht muss genau ein Bekenntnis vermitteln, aber in Niedersachsen werden nun zwei Bekenntnisse vermittelt, nämlich das katholische und das evangelische.”

Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) bestätigte den bekenntnisgebundenen Anspruch selbst: „Das ist selbstverständlich bekenntnisgebunden”, stellte sie im März 2026 gegenüber Vorwürfen mangelnder christlicher Inhalte klar. Eine einheitliche „christliche Kirche” mit einheitlichem Bekenntnis existiert jedoch nicht. Laut Pressemitteilung des niedersächsischen Kultusministeriums ist das Fach „Christliche Religion” ein bekenntnisgebundener Religionsunterricht im Sinne von Artikel 7 Absatz 3 Grundgesetz. Es wird von den evangelischen Landeskirchen und den katholischen Bistümern gemeinsam verantwortet, und Lehrkräfte benötigen dafür weiterhin eine Bevollmächtigung der Kirchen, die sogenannte „Vokation“ oder „Missio canonica“. Dass eine Lehrkraft mit nur einer kirchlichen Bevollmächtigung damit auch Glaubensinhalte der jeweils anderen Konfession unterrichtet und zwei rechtlich getrennte Körperschaften gemeinsam festlegen, was als christliche Wahrheit im Unterricht gilt, verschärfe das Problem zusätzlich, so der Zentralrat.

Während „Werte und Normen” bislang kaum Kontroversen auslöste, ist „Christliche Religion” inzwischen Gegenstand einer politischen Richtungsdebatte jenseits säkularer und verfassungsrechtlicher Fragen.

„Inhaltlich falsch und zudem gefährlich”

Ausgelöst hat den Streit ein zugespitzter Bild-Artikel, der dem neuen Fach unterstellte, es komme darin zu wenig Jesus und dafür zu viel Scharia und Klima vor. Vier Theologinnen und Theologen ordneten den Streit auf dem Portal Feinschwarz breiter ein: Themen wie Migration, Gender, sexuelle Vielfalt, Islam und Klimapolitik würden generell zu Triggerpunkten sozialer Polarisierung gemacht; der Religionsunterricht rücke damit in den „Fokus rechter Kritik”.

Der Zentralrat warnt davor, die Debatte auf diesen Aspekt zu verkürzen: „Kritik am bekenntnisgebundenen Religionsunterricht in die rechte Ecke zu stellen, ist aus Sicht der Kirchen zwar praktisch, weil damit jede Diskussion unterbunden werden kann – aber das ist inhaltlich falsch und zudem gefährlich, weil es den Blick auf den eigentlichen Kern verstellt, nämlich auf die weltanschauliche Neutralitätspflicht des Staates”, sagt der Vorsitzende. „Selbstverständlich sollen Kindern Erkenntnisse über Religionen vermittelt werden, aber eben keine Bekenntnisse – das ist der wichtige Unterschied. Themen wie Migration, Gender oder Klima sollten zudem Gegenstand des gesellschaftskundlichen und politischen Unterrichts sein.“

Bekenntnisfreie Schulen als Lösung

Artikel 7 Absatz 3 Grundgesetz sieht ausdrücklich vor, dass öffentliche Schulen als bekenntnisfrei eingestuft werden können. In diesem Fall entfällt die Pflicht zum konfessionellen Religionsunterricht.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat sich auf ihrem Gewerkschaftstag 2025 dafür ausgesprochen, bekenntnisfreie Schulen zu ermöglichen. Dieter Galas, von 1973 bis 1983 Vorsitzender der GEW Niedersachsen, beschreibt das Modell im Gewerkschaftsmagazin E&W als verpflichtendes Integrationsfach im ungeteilten Klassenverband, das religionskundliche Kenntnisse, gesellschaftliche Wertvorstellungen und den Zugang zu philosophischen und religiösen Fragen vermittelt, für alle Schülerinnen und Schüler einer Schule bindend, ohne Ausweichmöglichkeit über eine Religions-Arbeitsgemeinschaft. Im niedersächsischen Landtag wird derzeit eine entsprechende Eingabe der GEW Niedersachsen für eine schulgesetzliche Regelung beraten.

„Dass konfessioneller Religionsunterricht aus der bekenntnisfreien Schule nicht verbannt werden soll, zeigt, dass das Konzept keine antikirchliche oder religionsfeindliche Stoßrichtung hat”, sagt Galas. „Zum anderen wäre mit bekenntnisfreien Schulen kein Systemwechsel verbunden, denn in keinem Bundesland können ohnehin alle Schulen bekenntnisfrei werden. Interesse am Status könnten aber einzelne Gesamtschulen, Förderschulen oder berufsbildende Schulen haben.”

„,Werte und Normen‘ zeigt seit diesem Schuljahr in der Praxis, dass ein gemeinsames, bekenntnisfreies Fach funktioniert und von Eltern wie Fachverbänden gewünscht wird”, sagt der Vorsitzende des Zentralrats. „Statt bekenntnisgebundene Mischformen wie ‚Christliche Religion‘ zu konstruieren, die dann zwangsläufig zum Gegenstand von Deutungskämpfen werden, sollte Niedersachsen von der Möglichkeit der bekenntnisfreien Schule Gebrauch machen. Was jetzt für konfessionsfreie Kinder gilt, sollte perspektivisch für alle gelten: gemeinsamer Unterricht statt getrennte Fächer, die für ideologische Kämpfe anfällig sind. Wir sind gespannt, wie sich beide Fächer im Schulalltag bewähren, und halten eine Halbjahresbilanz für sinnvoll.”

Erstveröffentlichung auf der Website des Zentralrats der Konfessionsfreien, Übernahme redaktionell bearbeitet und leicht gekürzt.
Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel