Kommentar

Gottesdienstschilder als Reviermarkierung

Seit Jahrzehnten weisen Schilder am Ortseingang auf christliche Gottesdienste hin. Als im oberbayerischen Penzberg erstmals auch die Gebetszeiten einer Moschee angekündigt wurden, dauerte es nur wenige Tage bis diese beschädigt wurden. Der Vorfall ist zu verurteilen – wirft aber zugleich eine grundsätzliche Frage auf: Sind Gottesdienstschilder an der Ortseinfahrt überhaupt noch zeitgemäß?

Bauernhof in in Penzberg-Oberhof
Blick auf einen Bauernhof im Ortsteil Oberhof der oberbayerischen Kleinstadt Penzberg.

Dass Gottesdienstschilder überhaupt aufgestellt werden können, geht auf einen Erlass des Bundesverkehrsministeriums aus dem August 1960 zurück. Damals sollten Autofahrer bereits am Ortseingang erfahren, wann und wo Gottesdienste stattfinden. Seither weisen violette Kirchensymbole auf evangelische, gelbe auf katholische Gottesdienste hin.

Längst beschränkt sich diese Bekanntmachung nicht mehr ausschließlich auf die beiden großen Kirchen. Wer über Land fährt, entdeckt auch Hinweisschilder neuapostolischer oder freier evangelischer Gemeinden. Seit einer Verwaltungsvorschrift aus dem Jahr 2008 dürfen grundsätzlich auch andere Religionsgemeinschaften solche Tafeln aufstellen. Davon machte unter anderem die Liebenzeller Gemeinschaft Gebrauch. Jüdische Gemeinden verzichten bislang darauf.

Als die Pastafaris in Templin 2015 mit einem Schild für die Nudelmesse ihrer Kirche des fliegenden Spaghettimonsters werben wollten, untersagte das Land Brandenburg dies hingegen. Erst 2021 erhielt die Gemeinde eine Ausnahmegenehmigung. Die Stadt begründete ihre Entscheidung mit Weltoffenheit und Toleranz – und verwies darauf, dass die ungewöhnlichen Schilder den Bekanntheitsgrad Templins erheblich gesteigert hätten (der hpd berichtete).

Im oberbayerischen Penzberg wurde ein Schild mit den Gebetszeiten der örtlichen Moschee dagegen bereits nach drei Tagen beschädigt. Unbekannte besprühten es mit schwarzer Farbe. Der örtliche Imam sprach zu Recht von einem Angriff auf das friedliche Zusammenleben. Sachbeschädigung und religiös motivierter Vandalismus sind durch nichts zu rechtfertigen. Unabhängig davon stellt sich jedoch die grundsätzliche Frage, ob der Staat heute überhaupt noch Hinweisschilder für Gottesdienste privilegieren sollte.

Ein Relikt aus der Adenauerzeit

Die Schilder erfüllen heute vor allem eine symbolische Funktion. Sie markieren Präsenz und senden eine einfache Botschaft: Wir sind hier. Der Sprecher der Evangelischen Landeskirche in Baden, Daniel Meier, brachte dies bereits vor einigen Jahren unfreiwillig auf den Punkt: Die Schilder hielten „das Bewusstsein wach, dass es an diesem Ort einen christlichen Gottesdienst gibt“. Schlicht Reviermarkierung. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich kaum von den Ortseingangsschildern des Rotary oder des Lions Clubs, die dem Ortsfremden ebenfalls die beruhigende Gewissheit vermitteln, dass sich hinter der nächsten Kreuzung engagierte Honoratioren zum Mittagessen treffen.

Genau darin liegt das Problem. Schilder am Ortseingang sollen nicht der Selbstdarstellung einzelner gesellschaftlicher Gruppen dienen. Wenn Religionsgemeinschaften ihre Gottesdienste ankündigen möchten, stehen ihnen dafür Gemeindebriefe, Internetseiten, soziale Medien oder Informationstafeln an ihren Gebäuden zur Verfügung. Der Bürger ist mündig. Sonderrechte im öffentlichen Straßenraum sind heutzutage nicht mehr nötig.

Die Gottesdienstschilder stammen aus einer Zeit, als mehr als 95 Prozent der Bevölkerung den beiden großen christlichen Kirchen angehörten und Religion das öffentliche Leben prägte. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. In einem weltanschaulich vielfältigen und zunehmend säkularen Deutschland wirken die Schilder wie ein Relikt der Adenauerzeit. Es wäre daher konsequent, sie nicht auf weitere Religionsgemeinschaften auszudehnen, sondern sie einfach abzuschaffen.„“

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Ralf Nestmeyer

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller (zu seiner Website geht es hier). Er hat zahlreiche Reiseführer, Sachbücher und Krimis geschrieben und gehört zu den Gründungsmitgliedern von PEN Berlin.

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