Rezension

Ein kleines bisschen schizophren

Zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeit der USA legt der Historiker Philipp Gassert mit “Die Bipolare Nation – Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten” eine zugespitzte Bilanz der amerikanischen Geschichte vor. Er beschreibt die Vereinigten Staaten als zutiefst widersprüchliches Projekt: Fortschrittsmotor und Imperium zugleich, Ideengeber moderner Demokratie und zugleich geprägt von Sklaverei, sozialer Spaltung und politischer Polarisierung. Diese Ambivalenzen erscheinen nicht als Ausnahme, sondern als roter Faden der US-Geschichte. Auch aktuelle Konfliktlinien werden als Ausdruck dieser “bipolaren” Struktur gelesen. Das Buch versteht sich damit zugleich als historische Analyse und als kritischer Spiegel für Europa.

arm und reich
Die USA sind ein Land der Gegensätze.

Zum 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit von der britischen Krone legt der Historiker Philipp Gassert mit “Die Bipolare Nation − Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten” ein Buch über die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika vor, welches das ambivalente Verhältnis Amerikas zu zentralen Fragen der Gegenwart kritisch beleuchtet. Während offizielle Feiern die Gründungsideale von Freiheit, Demokratie und nationaler Einheit betonen, stehen die Vereinigten Staaten vor einer polarisierten Gesellschaft, die durch institutionelle Spannungen und kulturelle Konfliktlinien geprägt wird. Dass diese Spannungen schon immer einen Teil der amerikanischen Geschichte darstellen, zeigt das Buch anhand verschiedener Themenfelder auf und will so auch als “Warnung für Europa” dienen.

Buchcover

Die USA waren Vorreiter, Versprechen und Enttäuschung. Egal ob bei der Frage, nach dem Freiheitsversprechen, das in der Institution der Sklaverei dann doch nicht eingelöst wurde, der Gesellschaft der Gleichen, die zu großen Ungleichheiten führte, oder der Rolle der ältesten Verfassungsdemokratie als imperialer Ordnungsmacht − die Rolle der Vereinigten Staaten war stets ambivalent und geprägt von Widersprüchen. Hohe Ideale wurden formuliert und selbst von denen, die sie formulierten, nicht umgesetzt. Gleichzeitig übte die „neue Welt“ eine enorme Sogwirkung auf Menschen von überall her aus, da ihre Versprechen zwar nicht vollständig eingelöst wurden, jedoch in ausreichendem Maße realisiert waren, um weltweit zur Projektionsfläche für Hoffnungen und Erwartungen zu werden.

250 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung stellt sich die Frage, ob dies so bleiben wird. Was kann man heute noch aus der Geschichte und Gegenwart einer Nation lernen, die den modernen Westen und vermutlich die Globalgeschichte der letzten 250 Jahre geprägt hat wie keine zweite? Das System “westliche Demokratie” scheint über die USA hinaus angeschlagen, doch kann ausgerechnet Donald Trump der Demokratie neue Wege aufzeigen? Gassert schreibt, dass “die Frage schmerzt”, aber handelt es sich möglicherweise um eine weitere Volte der Geschichte einer bipolaren Nation?

Der Autor beleuchtet die Widersprüche in den großen Themen der Freiheit, der modernen Demokratie und der demokratischen Weltherrschaft. Er schreibt über Markt und Kapitalismus ebenso wie über Popkultur, Massenmärkte und deren Auswirkung auf die Politik, bis zur heutigen Medienrevolution und den damit verbundenen Kulturkriegen. Stets zeigt sich das gleiche Bild: eine Nation voller Widersprüche, die auf diese Art und Weise für eine unglaubliche Dynamik sorgt, aus der wiederum Neues entsteht, während Europa zu stagnieren scheint. Damit weitet das vorliegende Buch den europäischen Blick auf eine Nation, der man aus Europa gerne mit eingeübtem Kulturchauvinismus begegnet, oder wie es Gassert beschreibt: “Angesichts der vielen Splitter im amerikanischen Auge lassen sich die Balken im eigenen europäischen Auge leicht übersehen”.

Philipp Gassert, Die bipolare Nation. Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten, dtv, München 2026, 352 Seiten, 26 Euro

Sebastian Schnelle

Der Autor ist promovierter Philosoph und betreibt den Podcast "vorpolitisch", in dem er sich mit gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart beschäftigt und mit Gästen v.a. aus Wissenschaft und Forschung spricht. Er hat zum Islamismus geforscht und publiziert und arbeitet aktuell an einem Buch über die Neue Rechte in Deutschland und ihre Ideengeschichte.

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