Analyse
Katholischer Pfarrer bezeichnet Angriff auf Berliner CSD als „Signal des Himmels”
Ein Leserbrief des Pfarrers Winfried Abel sorgt für Empörung: Darin deutet er einen tödlichen Anschlag auf den Berliner CSD als „Signal des Himmels“ und spricht von “Perversion”. Der Beitrag wirft grundlegende Fragen darüber auf, wo die Grenzen zwischen religiöser Überzeugung, Meinungsfreiheit und der Rechtfertigung von Gewalt verlaufen.
Foto: © Kroll Markus via Wikipedia CC BY-SA 4.0
Die Osthessen News berichten über einen Leserbrief des in Fulda bekannten Pfarrers Winfried Abel, der schon in der Vergangenheit durch homophobe Äußerungen aufgefallen sein soll. In diesem in der Fuldaer Zeitung abgedruckten Leserbeitrag bezeichnet er anlässlich eines Berichts, dass der CSD in Fulda trotz der Ereignisse in Berlin, bei denen eine Person getötet und viele weitere zum Teil schwer verletzt wurden, stattfinden solle, den Anschlag als ein „Signal des Himmels”. Die Paraden zum Christopher Street Day seien „zur Schau gestellte Verherrlichung der Perversion”. Einen CSD in Fulda stattfinden zu lassen, mache die Stadt zur „Stätte dieser Unkultur”. Die von ihm als Katholiken natürlicherweise geschätzte Fronleichnamsprozession werde durch eine „große Parade der halbnackten Leiber verdrängt”. Der Artikel schließt mit einem Aufruf: „Doch sollen alle, die sich noch Christen nennen, derartige Gräueltaten als ein Signal des Himmels verstehen, als einen Aufruf zur Besinnung und zur Umkehr.”
Man muss sich angesichts solcher Worte die Augen reiben und fragt sich, was die Redaktion der Fuldaer Zeitung geritten haben mag, genau diesen Kommentar in dieser Form zu veröffentlichen. Als repräsentativ darf er hoffentlich nicht gelten. Chefredakteur Tobias Farnung soll sich inzwischen von der „zutiefst verstörenden Argumentation“ distanziert haben. Was aber genau ist an dieser Argumentation so perfide? Zum einen das Offensichtliche: Er schiebt den Opfern mindestens eine Teilschuld dafür zu, dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens wurden, für das es keine Rechtfertigung gibt. Und nicht nur das, der Pfarrer verhöhnt die Opfer, indem er den Ausdruck ihres Lebensgefühls als „Perversionen” bezeichnet.
Zum anderen entsteht durch diese Argumentation der Eindruck, die Gesellschaft müsse zu einer bestimmten religiösen Ordnung zurückkehren, um Bedrohungen abzuwehren. Islamisten, wie der Attentäter von Berlin, würden dem „einst christlichen Abendland die zunehmende sittliche Dekadenz zum Vorwurf machen und die westliche Kultur verachten”, schreibt Pfarrer Abel und man kann aus den Zeilen herauslesen, dass er ihm aus vollem Herzen zustimmt. Im Grunde ist sich der „Katholiban” also mit dem Islamisten einig, dass die offene Gesellschaft nicht das Modell ist, das er sich wünscht.
Eine plurale demokratische Gesellschaft muss solche Äußerungen aushalten können, aber sie muss sie auch einordnen dürfen. Religionsfreiheit schützt die Überzeugung, dass bestimmte Lebensentwürfe nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen, ja sogar sündhaft seien. Die Meinungsfreiheit schützt unser Recht, die Umdeutung von Gewalt zu einer vermeintlichen göttlichen Botschaft und eine angebliche moralische Mitverantwortung von Opfern für die ihnen angetane Gewalt als bigott zu bezeichnen.
Was hier klar sichtbar wird, ist eine Weltanschauung, die Freiheit und Würde anderer Menschen nicht als selbstverständlichen Wert anerkennt, sondern sie einer bestimmten religiös begründeten Ordnung unterordnet. Der CSD steht nicht für eine „Unkultur“, sondern für die Forderung, dass Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung ohne Angst und ohne Ausgrenzung leben können. Wer einen Anschlag auf diese Menschen als „Signal des Himmels“ deutet, stellt sich nicht gegen Gewalt, sondern liefert ihr eine religiöse Rechtfertigung. Dem muss eine offene Gesellschaft entschieden widersprechen.
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