Rezension
Islamisten und Rechtsextremisten gegen die moderne Welt: Ein aufklärerischer Band von Sebastian Schnelle
Auch wenn es einen ideologischen Gegensatz von Islamisten und Rechtsextremisten gibt, so eint sie doch die gemeinsame Frontstellung gegen die politische Moderne. Darauf macht anhand ideengeschichtlicher Beispiele eine Monografie von Sebastian Schnelle aufmerksam, mit leichter Hand geschrieben und mit aufklärerischer Wirkung.
Martin MAGA via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0
Diskursive Angriffe auf die politische Moderne kommen von verschiedenen Seiten. Dabei bestehen diverse Ausgangspositionen, es gibt aber ein gemeinsames Feindbild. Dies gilt auch für Islamismus und Rechtsextremismus, ideengeschichtlich wie realpolitisch. Darauf macht das neue Buch des Philosophen und Podcasters Sebastian Schnelle aufmerksam: „Gemeinsam gegen die moderne Welt. Wie Rechtsradikalismus und religiöser Fundamentalismus die offene Gesellschaft bedrohen“. Entgegen dem Haupttitel unterstellt der Verfasser darin nicht, dass es eine aktive Kooperation der genannten politischen Strömungen gibt. Gleichwohl bestehen viele Gemeinsamkeiten, sei es bezogen auf deren Entwicklung, sei es hinsichtlich der Feindbilder. Dazu soll „ein wilder Ritt durch die Zeit und verschiedene Ausprägungen antimoderner Ideologien“ (S. 13) erfolgen. Und diese Ankündigung wird in der genannten Monografie von Schnelle anschaulich umgesetzt, wendet er sich doch diversen geistigen Bewegungen und politischen Denkern aus beiden genannten Kontexten zu.
Am Beginn stehen kurze Erläuterungen darüber, was für die Analyse mit „politischer Moderne“ gemeint ist. Hierbei orientiert sich der Autor an der Erkenntnistheorie und der „offenen Gesellschaft“ von Karl R. Popper, konkret verankert in „parlamentarische[r] Demokratie, Liberalismus und Menschenrechte[n]“ (S. 119). Bereits vorab sei bezogen auf Schnelle betont, dass er keine falschen Idealisierungen vornimmt. Es geht ihm um die direkte und indirekte Ablehnung dieser Grundprinzipien in den behandelten politischen Ideologien. Dabei blickt der Autor auf die erkenntnistheoretische Basis, die den Antimodernismus in all seinen Facetten prägt, sei es bezogen auf politische, aber auch religiöse Quellen. Er betont treffend die Bedeutung von Krisenerfahrungen, welche zum Feindbild der Moderne führen würden. Und tatsächlich lässt sich für die Entwicklung meist ein ähnliches Muster konstatieren, entstanden doch die gemeinten Ideologien in derartigen Kontexten.
Dies machen die Darstellungen in den folgenden Kapiteln deutlich, wobei ganz unterschiedliche Denker jeweils Thema sind. Bereits vor der Einleitung finden sich entsprechende Namen einer „Dramatis Personae“, wozu etwa gehören: Hasan al-Banna, der Gründer der Muslimbruderschaft, Alain de Benoist, der einflussreiche französische Neue Rechte, Helena Petrovna Blavatsky, die wirkmächtige Esoterikerin, Maximilian Krah, der führende AfD-Politiker, Armin Mohler, der eigentliche Begründer der deutschen Neuen Rechten, Sayyid Qutb, der bekannte islamistische Ideologe, Carl Schmitt, der einflussreiche Staatsrechtler, Martin Sellner, der bedeutende identitäre Aktivist, oder Oswald Spengler, der bekannte Geschichts- und Kulturphilosoph. Man würde Gemeinsamkeiten bei einigen der Genannten vermuten, aber nicht bezogen auf das Gesamtpaket dieser Personen. Das gemeinsame Feindbild der politischen Modere rechtfertigt aber dieses Sammelbild.
Mit dem angekündigten „Ritt“ veranschaulicht dies Schnelle, der mit leichter Hand die entsprechenden Ideologen vorstellt. Er verweist bei einzelnen Fällen gar auf direkte Kooperationen, etwa die von Mohammed Amin al-Husseini mit den deutschen Nationalsozialisten. Außerdem geht der Autor bezogen auf die Neue Rechte darauf ein, dass dort keineswegs nur das Feindbild Islam dominiert. Es gibt auch anerkennende Kommentierungen und bündnispolitische Vorstellungen. All dies trägt Schnelle in einem erzählenden Stil vor, gelegentlich mit ironischen Kommentierungen, aber nie mit billiger Polemik. Er betont in der Einleitung zur Klarstellung, es werde kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.
Man könnte an ihn aber einen weiteren Buchwunsch herantragen: Die gemeinten Aversionen gegen die politische Moderne gibt es auch unter bestimmten politisch Linken oder in der neuen US-Oligarchie, bei allen sonstigen Unterschieden. Ein gesonderter Band dazu würde sich aufklärerische Verdienste erwerben.