Kommentar

Wenn Freiheit als Belästigung gilt

Ein Toleranz-Biedermeier breitet sich aus und drängt freiheitliche Ideale in den Hintergrund. Ausgerechnet die ideellen Nachfahren von Verfechtern der Freikörperkultur wollen diese nun nicht mehr dulden. Ein Fallbeispiel aus Nürnberg.

„Brückenfestival“ in Nürnberg
Besucher auf dem „Brückenfestival“ im Nürnberger Pegnitzgrund

Am 7. und 8. August fand in Nürnberg das „Brückenfestival“ statt. Vollständig von Ehrenamtlichen auf die Beine gestellt, steht es jedem offen, unter die Theodor-Heuss-Brücke in den Pegnitzgrund zu kommen, ohne Auflagen, was man mitbringen darf und was nicht, ohne Eintritt. Durch großmütterliche Wohnzimmerlampen entsteht eine beschauliche Atmosphäre, dazu spielen Bands, die man auf jeden Fall nicht als Mainstream bezeichnen kann, die man sich aber gerne mal anhört. Alle sind freundlich, alle achten darauf, dass Müll sofort in einem der zahlreichen Mülleimer landet, die verhindern sollen, was Festivals sonst üblicherweise mit sich bringen.

Awareness-Hinweise gibt es dort wie mittlerweile auch sonst überall, mit der Möglichkeit, sich vertrauensvoll an jemanden zu wenden, wenn man sich in einer Situation nicht wohl fühlt, man sich etwa bedrängt fühlt. Die Organisatoren schossen diesmal jedoch über das Ziel hinaus, hängten folgenden Hinweis auf dem Festivalgelände auf und verbreiteten ihn im Internet:

No Nipples Policy

Was für manche Freiheit ist, kann für andere unangenehm sein – sei solidarisch!

Nicht alle Menschen können sich im Alltag gleichermaßen oben ohne zeigen – das ist eine Ungleichheit, die wir nicht hinnehmen wollen. Aus diesem Grund gilt an unseren Bars und auf dem Festival die NO NIPPLES POLICY – als Zeichen der Solidarität.

Bitte behaltet auch auf der Bühne und der Tanzfläche eure Shirts an. Achtet auf euer Umfeld und nehmt Rücksicht: Wenn jemand euch bittet, euch etwas überzuziehen, dann macht das ohne Diskussion. Denn: Nackter Oberkörper ist nicht gleich nackter Oberkörper. Eine als weiblich gelesene Brust kann schneller zur Angriffsfläche oder zum Risiko werden, wohingegen eine männlich gelesene Brust oft als völlig normal gilt.

Unser Barteam hat keine Kapazität für lange Diskussionen – aber: Deine Fragen und Gedanken dazu sind willkommen und wichtig! Komm gern zum Awareness-Zelt – dort bekommst du Infomaterial, ein offenes Ohr und Raum für Austausch.

Unsere No Nipple Policy gilt nicht für das Stillen – stillende Personen sind überall willkommen.

Es lohnt sich, diese Zeilen ein zweites Mal zu lesen, um all die gedanklichen Wirrungen, die darin enthalten sind, zu erfassen.

„Deine Fragen und Gedanken dazu sind willkommen und wichtig!“ – fangen wir damit an. Diese Einladung möchte ich gerne annehmen, auch wenn Kritik nicht explizit erwähnt ist – warum eigentlich nicht?

Verrat am Feminismus und der Festivalkultur

Hier wird also von einem sich sicherlich selbst als links definierenden Organisationsteam etwas als unerwünscht festgelegt, was von Beginn an untrennbar mit der Festivalkultur verbunden war. Es war ja gerade eine linke Bewegung, die die Prüderie der Nachkriegszeit aufbrach, mit Freikörperkultur und freier Liebe. Eine „No Nipples Policy“ wäre in Woodstock undenkbar gewesen. Das ist das eine – das andere ist, dass hier etwas, wogegen der Feminismus seit seinen Anfängen kämpft, ganz beiläufig reproduziert wird: nämlich die Täter-Opfer-Umkehr. Die zurecht verpönte Rückfrage an ein Vergewaltigungsopfer „Was hattest du denn an?“ sollte der Vergangenheit angehören. Doch im Namen der Toleranz erlebt sie ein Comeback, wenn „eine als weiblich gelesene Brust (…) schneller zur Angriffsfläche oder zum Risiko“ wird. Nichts Anderes sagt dieser Satz aus: Was, du warst oben ohne und hast dir nichts übergezogen, als dich jemand darum gebeten hat? Na, selbst schuld.

„Was für manche Freiheit ist, kann für andere unangenehm sein“ – das ist richtig. Aber die Lösung kann nicht sein, die Freiheit einzuschränken. Denkt man diesen Gedanken zu Ende, müsste man aus „Solidarität“ alles Mögliche unterlassen, was Anderen „unangenehm“ sein könnte (Alkoholkonsum? laute Musik?) – wo hört das auf? Die Lösung kann nicht präventive Selbstbeschränkung sein, sondern muss ein demonstratives Ausleben dieser Freiheit sein. Denn das ist der Lackmustest, ob man in eine offene Gesellschaft passt. Nicht die offene Gesellschaft ist es, die sich dem anpassen muss, der mit ihr nicht zurechtkommt, denn dann ist sie keine mehr. Alternative, unfreiheitliche Gesellschaftsmodelle gibt es zu Hauf zur Auswahl und in denen gilt übrigens auch die „No Nipples Policy“ für das Stillen, denn in diesem Moment ist die „weiblich gelesene Person“ ja kein gefährlich-begehrenswertes Objekt. Niemand ist gezwungen, in einem freien Land zu leben. Attraktiv ist es dennoch – so lange es um die eigenen Freiheiten geht.

Es geht hier wohlgemerkt um ein Festival, auf dem eben nicht dieselben Konventionen gelten wie im Büroalltag. „Nicht alle Menschen können sich im Alltag gleichermaßen oben ohne zeigen“ hat also keinen Bezug zum eigentlichen Thema. Jeder, der schon einmal auf einem Festival war, wird das bestätigen können. Und doch ist dem Policy-Text in einem Punkt rechtzugeben: Dass es nämlich eine nicht hinnehmbare Ungleichheit darstellt, dass eine „männlich gelesene Brust“ gezeigt werden darf, eine „weiblich gelesene“ aber nicht – doch die Schlussfolgerung daraus ist genau falsch herum.

Dass es auch anders geht, zeigen die Berliner Bäder – interessanterweise mit fast der gleichen Begründung: Nach einer Beschwerde einer Frau bei der „Ombudsstelle der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung“ heißt es nun auf der offiziellen Website: „Uns ist es ein Anliegen, dass sich alle Menschen bei uns gleichermaßen wohl und willkommen fühlen. Wir stellen daher durch eine interne Anweisung für die Zukunft klar: Das Schwimmen ‚oben ohne‘ ist für alle Personen gleichermaßen erlaubt.“ Geht doch!

Wie Hohn klingt es da, wenn man dann den selbstvergewissernden Satz auf der Startseite des Brückenfestivals liest: „Auf dem Brückenfestival heißen wir alle Menschen willkommen, die jede Form von Diskriminierung ablehnen.“ Genau das tun die Organisator*innen aber selbst. Sie diskriminieren Frauen, anstatt solidarisch mit ihnen zu sein. Oder wie sie sie nennen würden: „weiblich gelesene Personen“.

Kommentare (1)

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anonym (nicht überprüft)

Mo. 17 Aug 2026 - 12:15

Euch ist schon klar, dass das einen Safe Space schafft, weil sich das Schreiben vor allem an halbnackt tanzende, männliche (!) Besucher richtet? Viele Clubs haben das Problem erkannt und fahren eine Policy, dass niemand oben ohne sein darf. Das ist extrem angenehm, nicht nur da mensch nicht mit schwitzender Haut in Kontakt kommt. Wie oben bereits steht: Weibliche Brüste werden anders wahrgenommen. Und da Frauen beim Brückenfestival, umgeben von Smartphones, nicht einfach oben ohne tanzen können (und es auch ziemlich sicher keine Frau machen würde in der aktuellen Gesellschaftsstimmung), ist es nur fair, wenn es keiner darf.

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