Ist der Gang zum Psychotherapeuten ein Auslaufmodell?
Der KI-Therapeut
Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in die Psychotherapie – doch kann ein Chatbot tatsächlich einen menschlichen Psychotherapeuten ersetzen? Zwischen schnellen, jederzeit verfügbaren Antworten, ethischen und rechtlichen Grenzen und den Chancen einer sinnvollen Ergänzung stellt sich die Frage, welche Rolle KI künftig in der psychotherapeutischen Versorgung spielen sollte.
Foto: © Marco Verch via ccnull.de CC BY 2.0
Seit ChatGPT von OpenAI massentauglich wurde, entwickelt sich der Markt für künstliche Intelligenz (KI) in rasantem Tempo weiter. Für viele Menschen sind KIs mittlerweile zu Alltagshelfern geworden, die bei unterschiedlichsten Problemen und Aufgaben zu Rate gezogen werden. Manchmal geht ihre Unterstützung sogar darüber hinaus: Sie übernehmen ganze Aufgaben weitgehend selbstständig – eine Entwicklung, die bei so manchem Arbeitnehmer rasch Existenzängste auslöste. Wie sich zeigte, nicht ganz zu Unrecht. So konnten sich beispielsweise Studierende der Informatik bis vor wenigen Jahren noch relativ sicher sein, nach ihrem Abschluss eine Anstellung in einem Unternehmen zu finden. Heute hat sich die Lage verändert. Einige Betriebe kürzen bereits Stellen für Informatiker drastisch und lagern Aufgaben an KIs aus.
Ähnliche Befürchtungen machen sich auch unter Psychotherapeuten breit. Denn Menschen nutzen KIs bereits heute zur Unterstützung im Umgang mit psychischen Störungen. Das ist durchaus nachvollziehbar: KIs liefern innerhalb weniger Sekunden niedrigschwellig eine Antwort auf die gestellte Frage und bieten häufig gleich mehrere Lösungsvorschläge an. Eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut muss hingegen zunächst gefunden werden. Wartezeiten von mehreren Monaten bis hin zu Jahren bringen dabei einen deutlichen zeitlichen Nachteil mit sich. Selbst eine bereits laufende professionelle Psychotherapie findet meist in Form eines wöchentlichen Kontakts von etwa 50 Minuten statt, wohingegen eine KI jederzeit – Tag und Nacht – verfügbar ist.
Darüber hinaus gibt es bereits erste Untersuchungen, die zeigen, dass KI-Antworten nicht pauschal „schlechter“ sind als die von Psychotherapeuten. So können textbasierte Antworten auf spezifische Probleme von Laien nur schwer einer Quelle – KI oder Psychotherapeut – zugeordnet werden.
Allerdings reichen diese ersten Befunde bei Weitem noch nicht aus, um einen KI-Therapeuten gegenüber einem menschlichen Psychotherapeuten guten Gewissens zu empfehlen. Dafür muss man sich zunächst bewusst machen, wie aktuelle KI-Modelle ihre Antworten generieren. Generative KI funktioniert probabilistisch. Das heißt, dass sie auf Grundlage der gestellten Frage – des sogenannten Prompts – und der darin vermittelten Informationen die wahrscheinlich passendste Antwort generiert. Hierfür greift sie auf Datenmaterial zurück, mit dem sie trainiert wurde, beispielsweise auf verfügbare Internetseiten.
Bei diesem Prozess kann es gelegentlich passieren, dass die KI Fehler macht oder Antworten erfindet. Dieses Phänomen wird als „Halluzination“ bezeichnet. Bekannte Beispiele hierfür sind das Erfinden wissenschaftlicher Studien, die nie durchgeführt wurden. Zudem sind viele gängige KI darauf ausgelegt, ihren Anwendern möglichst hilfreich und entgegenkommend zu begegnen. Das kann dazu führen, dass sie Konflikte vermeiden und dazu tendieren, ihren Nutzern nach dem Mund zu reden. In der Vergangenheit kam es bereits mehrfach zu Vorfällen, bei denen ein Chatbot seinen Anwendern einen Suizid als Lösungsvorschlag nahelegte. Seither wurden die Systeme jedoch weiterentwickelt, was unter anderem zu einer Verringerung von Halluzinationen und zur Implementierung von Jugendschutzeinstellungen geführt hat.
Doch eignen sich KIs nun als psychotherapeutischer Ersatz? Derzeit lässt sich diese Frage eigentlich nur mit einem „Nein“ beantworten – und dafür gibt es mehrere Gründe. Auf der einen Seite stehen rechtliche und ethische Fragen, auf der anderen Seite sprechen prozessorientierte psychotherapeutische Aspekte gegen eine alleinige Nutzung von KI.
Rechtliche Fragen betreffen beispielsweise den Datenschutz, etwa hinsichtlich der Anonymisierung und Speicherung persönlicher Informationen, die Nutzer gegenüber einer KI äußern. Hinzu kommen Fragen nach der Haftung für therapeutisches Fehlverhalten, beispielsweise bei einer mutmaßlichen Eigen- oder Fremdgefährdung von Patienten. Damit sind zugleich relevante ethische Fragen verbunden: Soll eine KI darüber entscheiden, wer stationär eingewiesen wird? Wer übernimmt die Verantwortung für den psychotherapeutischen Behandlungsprozess? Ist es vertretbar, dass eine KI Empathie und Vertrauen lediglich simuliert? Und wer darf auf die Informationen zugreifen, die einer KI anvertraut wurden?
Selbst wenn die rechtlichen und ethischen Fragen geklärt wären, bliebe noch offen, wie eine konkrete psychotherapeutische Behandlung mit KIs aussehen würde. Auch wenn die oben genannten Studien zeigen, dass KIs in einzelnen Situationen gute Antworten geben können und dabei stilistische Ähnlichkeiten zu professionellen Psychotherapeuten aufweisen, ist Psychotherapie nicht einfach eine Aneinanderreihung einzelner Aussagen in einzelnen Situationen. Sie ist ein Prozess, der sich mitunter über Jahre entwickelt, hochdynamisch sein kann und nicht immer primär auf Lösungsorientierung ausgerichtet ist. Denn es gibt Lebensumstände, die sich nicht einfach „lösen“ lassen, sondern begleitet und durchgestanden werden müssen.
KI kann sich gegenwärtig nicht ausreichend auf den Einzelfall konzentrieren und maßgeschneiderte Interventionen planen, da sie den Patienten, seine Persönlichkeit und seine individuelle Lebenssituation nicht in ihrer Gesamtheit erfassen kann. Zudem kann eine KI keine therapeutische Beziehung herstellen, die als zentraler Wirkfaktor einer Psychotherapie gilt. Sie besitzt keine echte Empathie und kein echtes Verständnis, sondern kann beides lediglich simulieren. Auch verfügt sie nicht über das therapeutische Handwerkszeug, um entsprechendes therapeutisches Know-how in einen individuellen Behandlungsprozess einzubetten.
Zusätzlich kennen KIs vor allem therapeutische Allgemeinplätze und verfügen nicht über ein umfassendes Wissen zu individuellen therapeutischen Verläufen. Informationen aus Patientenakten sind ihnen aufgrund geltender Datenschutzbestimmungen in der Regel nicht zugänglich.
Heißt das also, dass KIs bei psychotherapeutischen Fragen am besten ganz vermieden werden sollten? Auch diese Frage kann nur mit einem „Nein“ beantwortet werden. Denn die zugrunde liegende Prämisse einer Dichotomie – KI-Therapeut oder Psychotherapeut – ist falsch. Beides kann sich vielmehr sinnvoll ergänzen, indem sich die Vorteile von KI therapeutisch nutzen lassen.
KIs können beispielsweise gut Informationen strukturieren, Gemeinsamkeiten zwischen Sachverhalten herausarbeiten und komplexe Informationen auf ein erfassbares Maß reduzieren. Daraus können sich behandlungsrelevante Hypothesen ergeben, die in einer Psychotherapie aufgegriffen und bearbeitet werden können. KI kann somit als ein weiteres nützliches Werkzeug innerhalb der psychotherapeutischen Versorgung verstanden werden.
Voraussetzung für eine gelingende Arbeit ist allerdings, dass sich Psychotherapeuten bewusst machen, wie KI funktioniert, welche Stärken und Schwächen sie hat und welche Rolle sie im therapeutischen Gespräch einnehmen sollte. Ebenso müssen sie sich klarmachen, dass Patienten KI nutzen werden – unabhängig davon, ob Psychotherapeuten das gutheißen oder nicht.
Die Skepsis, die Psychotherapeuten KIs entgegenbringen, ist mit Blick auf den technischen Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte nicht neu. Auch nach der Einführung von Online-Therapien gab es unter Fachpersonal weitreichende Befürchtungen hinsichtlich der Folgen des Wegfalls des physischen Face-to-Face-Kontakts mit Patienten.
Heute gehören Online-Therapien zu den flexiblen und häufig genutzten Möglichkeiten, die psychotherapeutische Arbeit zu ergänzen. Wenn Psychotherapeuten KIs nicht als Konkurrenz betrachten, sondern als therapeutisch hilfreiches Werkzeug begreifen, kann KI einen wertvollen Beitrag zur zukünftigen Patientenversorgung leisten. Die Angst, von KI ersetzt zu werden, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt unbegründet.
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