Pegida

"Das ist nicht nur inhuman, sondern ganz bewusst antihuman"

Bisher gab es zu Pediga zahlreiche Gegen-Demonstrationen, mit meist deutlich mehr Teilnehmern. Genügt das in Ihren Augen, um auf die Probleme zu reagieren, welche Pegida kennzeichnet?

Sicherlich nicht, auch wenn es ein dringend notwendiger erster Schritt ist! Vielleicht sollten wir uns an die Zeit nach “Lichtenhagen” erinnern, in der viel Engagement und auch offizielle Förderung in den Aufbau antirassistischer Zusammenhänge gesteckt worden ist. Und nicht zuletzt eben die sozialen Minima für alle – auch natürlich die Flüchtlinge – garantieren!

Ein gänzlich neues Phänomen ist das, was da in Dresden geschieht, keineswegs. Gruppen von Alt- und Neo-Nazis finden sich da wieder, aber neu entwickelt haben sich in den vergangenen Jahren andere Gruppierungen wie etwa die “Identitären”. Rechts und “politisch inkorrekt” sein, Nationalist sein, Patriot sein, patriotischer Europäer sein – das trifft ganz offenkundig wieder auf mehr Zustimmung bei Menschen, auch in anderen europäischen Ländern.

Ich denke, das ist ein Effekt davon, dass große Teile der Linken der These auf den Leim gegangen sind, dass es “keine Alternative” gibt und selber keine konkret greifbaren Alternativen anzubieten haben. Da wählen diejenigen, denen die bestehenden Verhältnisse z.T. sogar aus guten Gründen stinken, dann eben rechte “Alternativen”, die wie wir doch wissen, bloße Scheinalternativen sind…

 

Welche Rolle spielen die politischen Parteien hier?

Das Versagen der politischen Parteien hat hier eine lange Vorgeschichte, nicht nur die eines eigenen Zündelns mit entsprechenden Ressentiments: Ganz überwiegend habe sie schon dabei versagt, alternative Entwicklungspfade aufzuzeigen und zu erkämpfen. Demgemäß sind sie – wie auch die sinkende Wahlbeteiligung zeigt – für alle Opfer von Polarisierung und Massenarmut keine glaubwürdigen politischen Adressen mehr.

 

Es gibt offenbar auch nicht wenige Atheisten, die klare Sympathien für Pegida & Co. äußern – jedenfalls erhält man diesen Eindruck, wenn man die Kommentarspalten in den Medienberichten liest.

Atheismus als solcher schützt weder vor Dummheit noch vor Bosheit. Ebenso wenig wie Religion automatisch Dummheit oder Bosheit mit sich bringt. Oder weniger grobschlächtig formuliert: Mit der Loslösung von traditionellen Glaubensvorstellungen ist keineswegs automatisch eine Befreiung von herrschenden Ideologien verbunden – ich erinnere nur an den sich – wie wir inzwischen wissen – ganz fälschlich auf naturwissenschaftliche Aufklärung berufenden Sozialdarwinismus im Zeitalter der Imperialismen oder an die z.T. daran anknüpfenden Phantasien der sogenannten Eugenik gerade unter wissenschaftlich gebildeten Ärzten im 20. Jahrhundert.

 

Vorgestern ist auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins “Charlie Hebdo” ein Anschlag verübt worden, bei dem 12 Menschen ermordet und weitere verletzt wurden. Die Täter waren aller Wahrscheinlichkeit nach Muslime. Das ist Wasser auf die Mühlen extremistischer Gruppen, aber auch islamkritischer Atheisten. Warum haben diese trotzdem nicht Recht mit ihren Warnungen?

Der islamistische Terror ist ebenso wenig eine Konsequenz des Islam, welche – wie dann behauptet wird – dessen innere Wahrheit enthüllt, wie die Autodafés der Inquisition die “Wahrheit” der katholischen Kirche oder die Hexenverbrennungen die “Wahrheit” des Protestantismus enthüllt haben. Sicherlich ist zu untersuchen, warum es in derartigen Glaubensrichtungen zu derartigen Pervertierungen hat kommen können, aber deswegen den ersten Schritt jeder Vernunft zu verweigern, nämlich zu unterscheiden zwischen Protestantismus und organisiertem Hexenwahn, zwischen Katholizismus und dem Terror der Inquisition, und eben auch zwischen Islam und Islamismus, ist völlig unvernünftig und humanistisch inakzeptabel. Übrigens ist durchaus auch zwischen anderen Formen des Islamismus und dem sich islamistisch legitimierenden Terrorismus zu unterscheiden, auch wenn das manchmal schwer fallen mag.

Selbstverständlich sollte mensch übrigens alle Religionen und Weltanschauungen auch kritisch diskutieren – aber falsche Gleichsetzungen sind eben das gerade Gegenteil von Kritik, die vielmehr immer damit beginnt, richtige Unterscheidungen zu treffen!

Grundsätzlich ist hier zum einen aber auch noch festzuhalten, dass es auch falsch wäre, Pegida nun einfach mit allen diesen Varianten einer antihumanen Religions- und Islamkritik gleichzusetzen, in denen den Muslimen schlicht die Religionsfreiheit abgesprochen wird. Die Vordenker von Pegida beschränken sich auf die Unterstellung, dass der Terrorismus im Islamismus und der Islamismus im Islam irgendwie “angelegt” ist – und gehen damit doch nur der haarsträubend willkürlichen “Theologie” der islamistischen Terroristen auf den Leim.

 

Wie sollte man darauf reagieren?

Hier sollten wir uns mehr Mühe machen, so dass auch die anderen Strömungen des Islam für uns sichtbar werden – nicht nur die sogenannten “moderaten”, zumeist nur traditionalistischen Formen, denen die Mehrzahl der armen Bauern in ihren Heimatländern anhingen, welche dann zu Arbeitsmigranten geworden sind, oder dem reaktionären Salafismus, wie ihn die Saudis in Europa fördern, sondern vor allem die “aufgeklärten” Ansätze des “westlichen Islam”, wie er seit den 1960er Jahren in Frankreich und in Großbritannien von islamischen Intellektuellen ausgearbeitet worden ist.

Zum anderen aber ist die berechtigte Empörung über den inhumanen Terrorismus dieser Mörder aber auch in eine nüchterne Untersuchung der strategischen Frage umzusetzen, wie dieser Terrorismus wirksam bekämpft werden kann. Und ich denke doch, dass es hier eigentlich ganz klar ist: Eine Strategie à la Huntington, der im “clash of civizations” den “Westen” gegen den islam(ist)ischen “Osten” mobilisieren will, ist hier auch ganz realpolitisch völlig kontraproduktiv – indem sie der islamistischen Propaganda nämlich mit umgekehrten Vorzeichen in die Hände spielt.